In den Kopf gebissen

Gerade genieße ich eines der besten thailändischen Gerichte meiner Reise, als er mir auffällt. Bereits als ich zu meinem Traumbungalow radelte, ist mir die Hundegang das erste Mal begegnet. Doch da war er nicht dabei. Sein Bruder, oder seine Schwester und zwei andere, ja, die waren mir positiv aufgefallen, weil sie mich nicht wie üblich gleich angekläfft haben. Aber er stand da noch nicht auf der Rechnung. Je länger ich ihn beobachte, umso mehr wird mir vermeintlich klar: Er ist wohl notgedrungen zum Einzelgänger geworden. Aber ich habe den Eindruck, die zwei anderen jungen Hunde sind allzeit bereit. Als er versucht die Böschung runterzulaufen, rennen seine Kumpels hinterher und behalten ihn im Auge.

Irgendwie irreal. Mein Essen muß warten. Drei Schritte und ich bin bei der Thai, die meine Gastwirtin in diesem Kleinod von einem Traumplatz unterstützt.

 

"What´s abouot this dog?" frage ich sie und würde am liebsten hinzufügen "did he ate magic mushrooms?". Aber ich ahne schon, daß der Witz keiner wäre.

Der kleine Kerl versucht seinen Instinkten zu folgen und torkelt dabei über den Platz, wie ein Volksfestbesucher nach sechs Maß Bier. Dann erfahre ich die schreckliche Wahrheit. Er wurde wohl als Welpe in den Kopf gebissen und hat dabei üble Folgeschäden davon getragen. Es blutet Einem einerseits das Herz, wenn man ihm zuschaut. Andererseits wird man aber das Gefühl nicht los, daß seine Hundekumpels zwar nicht ganz verstehen, was mit ihm los ist, aber, wie gesagt, sie sind immer in der Nähe, wenn etwas schief zu gehen droht. Schöne Gesellschaft, in der man sich so aufgehoben fühlen darf.


Mein Tag begann gegen 6 Uhr. Wieder hatte ich die Klimaanlage letzte Nacht ausgeschaltet. Mein Hals ist besser geworden. Draußen ist es noch dunkel, also versuche ich zu arbeiten. Das dauert aber nur wenige Augenblicke, dann haben wir einen Stromausfall. Okay. Dann Zähne putzen. Ich gehe ins Bad. Drehe das Wasser auf. Nichts. Oder besser gesagt, fast nichts. Er reicht gerade so die Beißerchen zu reinigen. Es dämmert. Also packen und los gehts. Mein Wohlbefinden hat sich etwas gebessert.

 

Sechs Momos gibts heute ohne Sonderpreis billiger. 35 Baht (1 €) anstatt 40 wie gestern. Ein paar Meter weiter fällt mir ein Café auf. Einen "Americano" gönne ich mir, dann mache ich mich auf nach Ranong. Gute zwei Stunden später habe ich die ersten dreißig Kilometer bereits geschafft. Der Weg dorthin war nicht sensationell, eher relaxt. Zum wach werden. Unspektakuläre Landschaft. Gute Straße, normaler Verkehr.

Da ich gut in der Zeit bin und der Planet bereits sticht, suche ich jetzt das klimatisierte Cafe Nice auf.

 

Der Eiscafe, den ich hier zu mir nehme, betäubt meinen Hals eine ganze Zeit lang. Davor hatte ich wieder deutliche Schluckschwierigkeiten und Hustenreiz. Eine halbe Stunde lese ich online und checke meine Mails. Dann breche ich meine Zelte ab. Vor mir liegt ein mir unbekannter Streckenabschnitt, auf den ich mich freue.

 

Der Verkehr wird weniger. Der erste Anstieg kündigt sich an. Ja, das macht noch Spaß. Nicht zu steil. Ungefähr 150 Höhenmeter. Bei der Abfahrt bietet sich ein atemberaubend schönes Bild. Dschungel, so weit das Auge reicht. Ganz hinten glitzert ein See. Oder ist das das Meer zwischen Thailand und Myanmar? Die Abfahrt bringt etwas Kühlung. Dennoch würde ich jetzt gerne irgendwo ein, zwei Stunden Pause machen. Oder zumindest etwas eiskaltes trinken. Das letztere erfüllt sich. Das, mit einem netten Restaurant ergibt sich nicht. Bis ich gegen 14 Uhr fühle, daß ich pumpe wie ein Maikäfer. Schnell liste ich gedanklich auf, was ich bisher gegessen habe:

  1. einen kleines Stück Schokotorte
  2. zwei oder drei Momos
  3. ?

 

Klar, daß mir bei der Hitze irgendwann die letzte Energie aus dem Körper gebrannt wird. Einmal noch fahre ich an einem schattigen Platz vorbei, dann ziehe ich die Reißleine und nutze die eigens für mich in ganz Thailand aufgebauten Pavillons. Nix Baumarkt. Nie streichen. Kostenlos. Weltweit.

 

Die Bank  ist mein Bett. Beine hochlegen, damit das Blut zum Herz fließen kann. Es dauert keine fünf Minuten und ich schlafe. Wache zwanzig Minuten später auf. Ratze wieder ein. Nach fünfig Minuten bin frisch wie der Morgentau. Die Kolonie Ameisen, am Balken hinter mir, entdecke ich erst jetzt. Sind fleissig die Kerlchen, was man von mir ab jetzt auch wieder behaupten kann. Quartiersuche ist angesagt. Sechzig Kilometer sind geschafft. Zwischendurch die erste und letzte eiskalte Cola für heute. Zuviel Zucker.

Zwei Radler auf meiner Straßenseite? Was wollen die denn?

 

Die beiden Thais haben sich in Surat Thani getroffen und sind am Golf von Thailand entlang hochgeradelt. Da, wo ich Ende Januar runter geeiert bin. Nun wollen sie noch gemeinsam bis Ranong. Dort trennen sich die Wege der pedalierenden Freunde.

Vor mir liegen noch 15 km bis Kra Buri. Es zieht sich. Doch die Natur entschädigt. Eine Baustelle. Ein verdecktes Schild. Wasserfall. Eco Camp. 2 km. Kann man dem Schild trauen?

Einen Versuch ist es wert. Zum ersten Mal mache ich wissentlich mehr als 1.000 Höhenmeter am Tag. Plus 90 km Strecke. Das ist doch eine Ansage. Das schreit nach Belohnung. Ob das Schicksal meiner Meinung ist?

 

Jep! Der "lonely Wolf" - so nannte mich ein Ex-Kollege in Atlanta - hat wieder einen Platz gefunden. Nur Thais und ich. Idyllisch, abgelegen, ursprünglich, inmitten des Dschungels.

 

Viel Holz.

 

 






Ein himmlisches Bett.








Eine paradisische Dusche.



Leckeres Essen. Gelbes Licht.

Und dann ganz zum Schluß, passiert doch wieder das Unvermeidliche...


Danke Dir Ma, daß ihr erst so spät einen Fernseher gekauft habt, damals in den 70ern...

Nachtrag

 

Was dagegen hilft?

 

  1. Sex Pistols: "Anarchy in the UK"
  2. Dead Kennedys: "Holiday in Cambodia"
  3. Armin van Buuren: "This silent hearts"

 

Natürlich mit Kopfhörer.

Aus Rücksicht auf die Fernsehzuschauer.

Ist doch klar.

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Su (Freitag, 27 Februar 2015 17:06)


    Ja Dirk, man hat man Hochs und manchmal Tiefs, man wird aber schon durch die Landschaft entschädigt. Der Fernseher, ein leidiges Thema, es ist dem Thai sein Hobby, genau so wie ein Feuer am Straßenrand. Kennst Du bestimmt oder.
    Also Dirk "Keep on Smiling"
    Gruss

  • #2

    JayJay Bartels (Freitag, 27 Februar 2015 19:22)

    Hübsches Plätzchen hast Du Dir da ausgesucht... Was ich Dich die ganze Zeit schon fragen möchte: Wie hast Du Dich in Stuttgart auf diese sportliche Reise vorbereitet?

  • #3

    Dirk Blume (Samstag, 28 Februar 2015 01:25)

    @Su: danke für die Einsicht in die thailändische Hobby-Seele...ich schreib das ja auch immer wieder, das ist nicht nur für die Thais ein Hobby...dass scheint weltweit ein Thema zu sein. Mir fällt das immer als Hintergrundgeräusch auf...und weil ich selbst bewußt gewählt habe, keinen Fernseher mehr zu besitzen.

  • #4

    Dirk Blume (Samstag, 28 Februar 2015 01:33)

    @JayJay...eigentlich gar nicht speziell...zuhause sitze ich ja jedes Wochenende mehr als 10 Stunden im Sattel, wenn ich meine MTB-Kurse gebe. Unter der Woche erledige ich auch alles mit Rad, nur montags, in die Sauna, da fahre ich mit meinem alten 69 Käfer Cabrio. Ich sage aber auch Jedem, das könnt ihr Alle auch. Das ist wie ein neuer Job. Am Anfang fällts schwer, man muß einiges lernen (Essen ;-), trinken, Kraft einteilen, Geschwindigkeit, raus aus der Sonne, vormittags den Königsanteil rausfahren, mittags ausrollen und Schlafplatz suchen, richtiges Material, wieviel Gewicht, Etappen- und Pausen planen, improvisieren, Selbstmotivation). Jeder kann untrainiert losfahren und nach drei Wochen ist es "normal".

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