NAMASTE aus Kathmandu!

Was für eine Anreise!

 

Sonntag den letzten Mountainbike Fahrtechnik Kurs für dieses Jahr geleitet, abends noch etwas Abschied gefeiert, Montag morgen das Rad bepackt, mit Pinsel und Farbe die wenigen Reifenspuren im Eingangsbereich meiner Ferienwohnung übermalt, kurz noch nass raus gewischt und los ging es.

 

 

Zunächst mit der Stadtbahn zum Stuttgarter Loch (ehemals Hauptbahnhof). Dort angekommen, ertappe ich mich dabei, wie ich unverschämt grinsend auf einer Bank sitze und mir die herbstliche Sonne voller Wonne ins Gesicht scheinen lasse, das vergangene Halbjahr Revue passieren lasse und von den kommenden sechs Monaten träume. Was für ein geiles Leben ich mir selbst geschaffen habe!

 

Wie immer zu solchen Anlässen, bin ich so losgefahren, daß ich richtig viel Zeitpuffer bis zu meinem Abflug habe. Die Deutsche Bahn unterstützt mich heute ausnahmsweise dabei. Mein Zug rollt frühzeitig ein und ich kann in Ruhe einsteigen. Typisch dabei allerdings: die eigentliche Tür zum Fahrradwagon ist nicht zu öffnen. Aber ist ja klar, wenn man lieber 10 Mrd. € für den Rückbau des Stuttgarter Bahnhofs ausgibt, anstatt in die Wartung von Zügen und Infrastruktur zu investieren.

 

Also zurück zur anderen Türe, wo ich mehr Erfolg habe.

 

In Mainz heißt es umsteigen. Ein betagtes Radfahrerpärchen will mit mir aussteigen. Solidarisch, wie Radfahrer meist sind, helfen wir uns gegenseitig beim Heraustragen der Packtaschen und Fahrräder.

 

Als der Zug nach Frankfurt Flughafen einrollt und zum stehen kommt, steigt eine ganze Horde anderer Fahrradfahrer aus. Das könnte knapp werden, denke ich mir. Zwei Minuten Haltezeit sind nicht allzu lang.

 

Doch da hilft ein anderer Fahrgast mit und packt kräftig mit an. Ich bin erstaunt, wie viele nette Menschen ich heute schon getroffen habe. In Mainz hatte mir eine Frau, die sich um syrische Flüchtlinge gekümmert hat, sogar gleich ein komplett neues Leben gewünscht, als sie auf die Frage nach meinem Ziel als Antwort "sechs Monate Asien" bekommen hat.

 

 

Solche Menschen hat und braucht die Welt und keine engstirnigen, egoistischen, fremdenfeindlichen "Nationalisten" und "besorgte Bürger", die irgend etwas von der Bewahrung der abendländischen Kultur schwafeln und scheinbar noch gar nicht gemerkt haben, daß sich Kulturen nach ihrer Entstehung schon immer weiter veränderten und entwickelten. Diese konstanten Umwälzungen bezeichnen wir als "Geschichte".

Das nur mal so am Rande.

 

(Quelle: Eine kurze Geschichte der Menschheit - YUVAL NOAH)

 

 

Doch das war nur der Anfang, wie ich wenig später im Terminal C feststellen darf.

 

Witzig ist auch der Weg dorthin. Als ich auf einem Pedal stehend, Richtung Terminal rolle, kommt mir so ein unzufriedener,  menschlicher Nager auf dem Weg ins Hamsterrad entgegen.

 

Also so ein Schlipsträger, der schon von weitem so aussieht, als sei er nicht allzu glücklich an diesem Montagmorgen.

 

Je näher wir uns kommen, umso mehr wird klar: es wird eng. Grimmig schaut er mich an und mault: "was wird denn das jetzt?". Im letzten Moment weiche ich aus und denke: "was eine arme Sau:-))).

 

Muss seinen Frust an seiner Umwelt auslassen, anstatt einfach etwas an seiner Situation zu ändern.

 

Jeder ist seines Glückes Schmied.

 

 

Im Terminal angekommen, suche ich nach den Typen, die auf Wunsch alles in Folie verpacken, damit Langfinger keine Chance haben. Neudeutsch: "Wrapping". Die Burschen wissen nämlich auch wo ich meinen Fahrradkarton für 25 Euro abholen kann.

 

Mitten in der Halle werde ich fündig. Die 25 € wechseln den Besitzer und wir machen uns gemeinsam auf den Weg, um die Pappe zu holen, in der mein Bike verschwinden wird. Nach wenigen Metern spricht mich Regina aus Freiburg an.

 

Wohin ich mit meinem Bike reise und wie ich das mit dem Verpacken mache, fragt sie mich interessiert. Schnell tauchen wir immer tiefer in ein Gespräch ein. Dabei verliere vor lauter Fragen Beantworten meinen Kartonverkäufer aus den Augen. Nach ein paar Minuten entdecke ich ihn winkend 100 Meter von uns entfernt.

 

Regina ist auf dem Weg nach St. Petersburg und hat, wie ich, großzügig geplant. Bereitwillig bietet sie mir ihre Mithilfe an. Super, denke ich. Weiblich kompetente Unterstützung nehme ich gerne an.

 

Wir suchen uns eine ruhige Ecke und ich packe mein Werkzeug aus. Regina besorgt in der Zwischenzeit einen Gepäckwagen, der uns aber irgendwann in der nächsten Stunde hinter unserem Rücken wieder geklaut wird. Während ich das Bike zerlege, erzählt mir Regina von ihren "Gebietsdurchquerungen" per pedes und mit dem Fahrrad. So richtig ins Schwärmen kommt sie, als ich den "canadian trail", in Freiburg anspreche. Voller Begeisterung und mit leuchtenden Augen sprudelt es nur so aus ihr heraus. "Zuerst würde ich hier hochkurbeln und dann dort runterbrettern, denn auf den Berg und danach die Abfahrt..." uns so weiter.

 

Doch dann kommt der absolute Knaller: "normalerweise bin ich nicht so gesprächig..." sagt sie.

 

Ich pruste los und biege mich vor lachen.

 

Aber das ist eben das Geniale. Wenn Gleichgesinnte aufeinander treffen, gibt es oft kein halten mehr. Biken und Natur verbindet einfach. Herrlich.

 

 

Gemeinsam probieren wir mehrere Packvarianten aus, die alle daran scheitern, daß wir uns bis zuletzt sträuben, den ganzen Gepäckträger abzumontieren.

 

Als uns nichts anderes mehr übrig bleibt und ich den Thule Träger samt Seitenrahmen abschraube, werden wir belohnt. Das Bike passt endlich in die Fahrradbox. Ich wende mich dem Gepäck zu. Wochenlang habe ich alles immer wieder akribisch abgewogen. Habe abgewägt, was mir wirklich wichtig ist. Glücklicherweise darf ich zwei Gepäckstücke à 23 kg bei ETIHAD mitnehmen.

 

 

Aus diesem Grund war mir auch klar, daß ich möglichst viel Ausrüstung mit in den Fahrradkarten packen würde. Denn das Limit meines ORTLIEB RACKPACKS ist begrenzt.

 

Nach und nach wandert das ORTLIEB HANDLEBAR PACK, mein HILLEBERG AKTO ZELT und zahlreiche andere Ausrüstungsgegenstände bis hin zu meinen EXPEDITIONSHANDSCHUHEN in die Pappbox. Am Ende passt alles wie geplant hinein und mein zerlegtes Mountainbike und die beiden Laufräder sind auch noch gut gepolstert bzw. geschützt. Es läuft gut bis hierher. Fast schon unheimlich gut.

 

 

Dann verabschiedet sich Regina von mir und ich mache mich auf die Suche nach dem Check-in Schalter von ETIHAD. Dort angekommen nutze ich die Möglichkeit mein Gepäck ohne Zeugen zu wiegen. Der Schalter samt Waage ist noch nicht mit Bodenpersonal besetzt. Das Rackpack wandert als erstes auf das Laufband. 14,5 kg. Dann wuchte ich den schweren Radkarton auf die Waage. Gespannt warte ich darauf, daß sich die Anzeige einpendelt. 32 kg. Gibt zusammen 46,5 kg!

Nahezu perfekt geplant;-).

 

Also alles wieder zurück auf den Gepäckwagen und einen guten Platz gesucht. Dort angekommen, kommt das Panzertape zum Einsatz. Fast schon liebevoll verklebe ich alle offenen bzw. sensiblen Kanten des Kartons mit dem superstabilen Klebeband. Als ich den Karton kurz aufstelle, kippte er nach vorne auf eine Stange, die ein großes Loch aus dem Karton stanzt. Nein! Aber auch dieses Leck wird schnell zugeklebt. Dann endlich geht es zum Einchecken. Alles wird nun offiziell gewogen. 47 kg. Ein Kilo Übergewicht. Und der Typ will mir das berechnen. Ich kann es nicht glauben. Da korrigiert er das Gewicht. Es sind doch nur 46,5 kg. Alles gut, meint er.

 

Doch er hat noch einen auf Lager. Ihr wisst schon. Stichwort: VISA:-0

 

"Haben Sie ein Rückflugticket'?"

 

"Nein. Wozu? Ich radel jetzt erst mal drei Monate durch Nepal und dann schaue ich wohin es mich zieht..."

 

"Ja, ich denke sie brauchen ein Rückflugticket..."

 

"Vor zwei Jahren habe ich auch keines benötigt..."

 

"Die Einreisebestimmungen ändern sich laufend..."

 

HABE ICH ETWAS ÜBERSEHEN?

 

HABE ICH ZU WENIG RECHERCHIERT?

 

Er tauscht sich mit einer Kollegin aus.

Kommt zurück.

 

"Sie benötigen kein Rückflugticket"

 

 

Alles andere läuft wieder wie am Schnürchen.

Meine 11 kg anstatt der vorgeschriebenen 7 kg Handgepäck werden nicht "entdeckt", da ich meinen Rucksack nicht wiegen muß. Glück gehabt.

Auch der Securitycheck läuft einigermaßen gut ab. Doch die nächste positive Überraschung läßt nicht lange auf sich warten.

 

Wie immer versuche ich so ziemlich als Letzter das Flugzeug zu besteigen. Ich mag nicht in der Schlange stehen. Finde ich prinzipiell doof.

 

Im Flugzeug gibt mir das dann oft die Möglichkeit, Mitreisenden zu helfen, ihr schweres Gepäck zu verstauen, denn spätestens da muß auch ich mich anstellen. So auch dieses Mal. Ich hieve die schwere Einkaufstasche von drei muslimischen Frauen nach oben. Die sind erst erstaunt (!) und dann freuen sich sichtbar darüber.

 

Kaum an meinem Gangplatz angekommen, will eine nach mir kommende Dame gerne mit mir tauschen. Das muß ich leider ablehnen, denn mein rechtes Bein will immer wieder gestreckt werden, sonst meldet es sich mit Gelenkschmerzen. Leicht angesäuert setzt sie sich links in die Mitte.

 

Da ich ja keinen Fernseher besitze, bin ich jetzt auch nicht der Erste, der den Bildschirm im Vordersitz anschaltet. Aus diesem Grunde nehme ich es auch gelassen, ja fast schon freudig hin, als eine der Stewardessen zu mir kommt und mir mitteilt, daß mein Bildschirm nicht funktioniert und sie mir deswegen einen Sitzplatz mit deutlich mehr Beinfreiheit anbietet. Gerne nehme ich an und mache damit auch die "Angesäuerte" glücklich, die sofort meinen Platz einnimmt.

 

Wunderbar! Den ganzen Flug nach Abu Dhabi genieße ich mit meist gestreckten Beinen. Das nennt man schnelles Kharma;-). Helfe und Dir wird geholfen.

 

Versteht aber nicht Jeder oder Jede und wählt vielleicht lieber eine "Alternative"...

 

 

Doch es kommt noch besser. In Abu Dhabi warte ich wieder bis fast alle in den zwei Bussen untergebracht sind, die uns zum Flugzeug bringen. Als ich mein Ticket vorzeige und das Ticket gescannt wird, piepst es plötzlich und die Dame schaut etwas erstaunt. Dann zerreißt sie mein Ticket, druckt ein neues aus und schickt mich nach Rücksprache zu den 7 Personen in Bus Nummer 2.

 

Im Flieger wird mir dann klar, was das bedeutet:

 

Businessclass mit allen Annehmlichkeiten. Viel Platz für meine Hufe, Shiraz für die Leber und Schmackhaftes für die Kauleiste.

 

Mein Kumpel Jürgen verdreht jetzt die Augen und denkt: "Gustav Gans auf Reisen".

 

 

Dann kommt das Kathmandu Valley in Sicht und es ist ein bißchen wie heimkommen.

 

Auf der Ringroad ist schon wie vor zwei Jahren ungewohnt wenig los und ich bin schon gespannt, woran es diesmal liegt. 2015 hatten die Inder fast keinen Treibstoff mehr nach Nepal durchgelassen. Monatelang lag nahezu der ganze Verkehr still.

 

Gut für mich als Radler.

 

 

Gut, das Anstehen für mein 90-Tage-Visa (ja, genau...früher wäre das der Urlaubs"anspruch" für 3 Jahre gewesen:-))) gestaltet sich äußerst langwierig, bürokratisch und schweißtreibend. Aber irgendwann habe ich auch das hinter mich gebracht.

 

Wenn jetzt noch mein Gepäck mit mir angekommen ist...

 

Unten in der Gepäckhalle muß ich erst etwas suchen, doch dann entdecke ich die gelbe Reisetasche und nach kurzer Zeit auch meinen völlig intakten Radkarton.

 

Wahnsinn! So kann es weitergehen!

 

 

Und es geht so weiter: vor dem Flughafengebäude warten Amit und Sushil auf mich. Beide habe ich vor fast genau neun Jahren bei meinem ersten großen Trip hier in Kathmandu am Flughafen kennengelernt. Wie ich mich freue, die beiden zu sehen!

 

 

Die restliche Woche bis heute ist schnell erzählt. Viel Wiedersehensfreude, ein Bike das mich nach dem Zusammenbau optimistisch stimmt, ein Treffen mit einem Freund mit einem fast identischen Plan, viele inspirierende Gespräche mit unglaublich kreativen und interessanten Menschen und die Gewissheit, daß es demnächst Richtung Westen, Richtung Annapurna geht.

 

 

Namaste ist in Indien sowie einigen weiteren asiatischen Ländern eine unter Hindus verbreitete Grußformel und Grußgeste und bedeutet wörtlich übersetzt „Verbeugung zu dir“ (Quelle: Wikipedia)

 

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