Kette dreifach gebrochen, Speiche gebrochen, Achter im Hinterrad - wie weit kommt man damit?

 

10. November 2016

 

Mae Chaem - Inthanon

 

Der ganze Tag steht im Zeichen der Bergauffahrt. 1.400 Höhenmeter wollen bewältigt werden.

 

Am Abend zuvor hatte ich in Mae Chaem jede Chance genutzt, um genug zu Essen. So wanderten nacheinander ein Tintenfischspieß, eine Hähnchenkeule und eine komplette thailändische Mahlzeit, bestehend aus Hühnchen, Reis und Gemüse in meinen hungrigen Magen.

 

Was davon, direkt am gleichen Abend, noch für Durchfall sorgt, bleibt bis heute unklar. Aber besser das Zeug verlässt gleich wieder meinen Körper, bevor es noch mehr Unheil anrichtet.

 

 

Obwohl ich dieses Mal "nur" ein Zimmer mit Ventilator habe (300 Baht = 7,76 €), schlafe ich ganz angenehm und wache auch recht früh auf. Nachdem ich gepackt und bezahlt habe, fahre ich erneut ins Dorf und decke mich mit Bananen und Wasser ein. Am Ende fahre ich mit vier Litern köstlichem Nass los, ein Liter davon ist zu Eis gefroren. Ein Genuss, bei der Hitze, später am Tag noch eiskaltes Wasser trinken zu können.

 

Relativ entspannt erreiche ich nach 6 Km den ersten Aussichtspunkt, weitere folgen.

 

 

Der Anfang ist teilweise recht steil, aber es sind immer nur kleine Straßenabschnitte, was mich hoffnungsvoll stimmt. Der Verkehr lässt auch recht schnell nach. Wichtig für meine Serpentinen-Bergauf-Strategie.

 

Weitere 3 km später mache ich das erste Mal eine längere Essenspause. Im Anschluss daran ist die Straße ein paar hundert Meter lang noch schön breit und recht neu, danach wird es wieder thailändisch. Steil. Steiler. Unfassbar steil. Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber das sollte man einmal im Leben gesehen haben.

Was wohl der Grund für diese Bauweise ist? Keine Ahnung...

 

Die nächsten 12 km werden abermals zu einem Kampf. Ein Backpackerpärchen, auf einem Motorroller kommt von unten um die Kurve gefahren. Ungläubig halten sie an, als sie mich sehen. Wir plaudern ein wenig. Sie nutzen die gleiche Straße wie ich, nur die beiden wollen bis ganz nach oben. Und ganz oben heißt Doi Inthanon. Mit 2.565 Metern die höchste Erhebung Thailands. Mein Ziel liegt 800 Meter tiefer.

 

Ein paar Kurven und Höhenmeter später, haben wir dann ausreichend Zeit, uns zu unterhalten. Der Brite hatte seinen Rucksack so im Motorroller platziert, dass der Motor überhitzte. Nun müssen die beiden warten, bis die Maschine wieder runter gekühlt hat.

 

Auch ich bin mächtig überhitzt. Wie bei jeder Bergfahrt, sind meine Hose und mein Muscleshirt so nass, wie wenn ich gerade aus einem Pool gestiegen wäre. Also trinke ich und mein Körper schwitzt noch mehr.

 

Es wird kühler, je höher ich komme. Und es bewölkt sich zusehends. Als eine kleine überdachte Haltestelle kommt, entscheide ich mich glücklicherweise, das erste Mal in all den Wochen, meine nassen Klamotten gegen trockene zu tauschen. Eine gute Entscheidung, so kurz vor dem Gipfel und der anschließenden langen Abfahrt.

 

Endlich erreiche ich das Tagesziel auf 1.875 Metern Höhe. Hinter mir liegen 1.359 Meter Anstieg. Ab jetzt geht es abwärts, denke ich...

 

...daß es allerdings in nahezu allen Bereichen abwärts geht, das eröffnet sich mir erst nach und nach.

 

Gerade als ich ein Foto vom höchsten Punkt der Straße mache, beginnt es zu donnern. Sekunden später fallen die ersten dicken Regentropfen. Nichts wie runter, denke ich und trete in die Pedale.

 

Welch ein Glück! Bereits nach ein paar hundert Metern sehe ich direkt vor mir ein Gebäude mit einer offenen Eingangstür. Links geht es hoch zum Gipfel des Doi Inthanon. Ich rase auf das Gebäude zu. Zu spät. Ich bin bereits wieder klatschnass. Mehr ausrutschend, als laufend, bugsiere ich mein Bike in das Gebäudeinnere und inspiziere die Behausung direkt unter dem Aspekt, hier heute Nacht vielleicht schlafen zu dürfen. Zu schmutzig, lautet mein Urteil.

 

Also dann warte ich eben das Gewitterende ab und fahre die letzten 7 km bis zum nächsten Guesthouse. Gemeinsam mit ein paar Thais schaue ich dem prasselnden Niederschlag zu. Nach 45 Minuten lässt es ein wenig nach. Als ich gerade starten will, nimmt der Niederschlag wieder an Stärke zu. Also wieder rein in die gute Stube. Zeit, die Regenhose und die Regenjacke auszupacken. Immer wieder hatten mich seit meiner Ankunft Anfang Oktober Zweifel geplagt, ob ich nicht zu viel überflüssige Kleidung eingepackt hatte. Am Berg zählt jedes Gramm.

 

Jetzt bin ich glücklich, dem Regen wenigstens etwas Paroli bieten zu können. Als ein Radlerpaar von unten kommend völlig unbeeindruckt Richtung Pass an mir vorbei pedaliert, setze auch ich mich in Bewegung.

 

Endlich abwärts, gut geschützt gegen den Regen, kann auch das Spaß machen. Allerdings nicht lange. Denn dann verrät mir ein metallenes Geräusch, dass irgend etwas mit meinem Hinterrad nicht mehr in Ordnung ist. Mitten in der Abfahrt. Bei 50 bis 60 km/h. Vorsichtig bremse ich bis zum Stillstand runter. Steige ab und schaue nach hinten.

 

Wieder ist eine Speiche gebrochen. Ich rolle wieder an. Das Gewicht und das Gefälle drücken mein Fahrrad Richtung Tal. In der ersten kleinen Ansiedlung samt Straßenmarkt bringe ich mein Gefährt mühelos zum Stehen.

 

Das Hinterrad hat so einen Schlag abbekommen, dass der Bremsklotz auf der einen Seite bei jeder Radumdrehung jetzt zu nahe an der Felge ist. Ich verfüge nun damit ungewollt über eine automatische Hinterradbremse.

 

Ich könnte k.....!

 

Einmal mehr entpacke ich das ganze Fahrrad, stelle es auf den Kopf und versuche den Schaden irgendwie zu begrenzen. Ich schaff´s nicht.

 

Also weiter bis zum Guesthouse.

 

Am Accomodation Office des Nationalparks mit Mühe und Not angekommen, ist alles ausgebucht. Man empfiehlt mir das Homestay gleich um die Ecke.

 

Gerne. Eine Hütte reiht sich an die nächste. Unterschiedlich groß. Ich frage nach dem Preis.

Die junge Thai verlangt 1.000 Baht!

Nicht für die Buden hier.

Ihr nächstes Angebot: 800 Baht.

Immer noch zu teuer.

 

Zurück zum Accomodation Office. Ein Anruf und ich akzeptiere 500 Baht für eine Unterkunft, die ich noch gar nicht gesehen habe.

 

Dafür werde ich abgeholt. Von einer netten Thailänderin auf einem Motorroller mit Regenschirm.

 

Ich folge ihr zurück zur Straße. Wir rollen weiter Tal abwärts. Links taucht Inthanon auf. Ein kleiner Ort. Und es kommt, was kommen muss. Es geht noch einmal ordentlich bergauf.

 

Doch dieses Mal pedaliere ich nicht nur gegen die Steigung, sondern auch gegen meine stark schleifende Hinterradbremse. Das gibt dicke Beine.

 

Da das aber noch nicht reicht, springt auch noch die Kette ab.

Ich bekomme einen Tobsuchtsanfall.

Schiebe das Bike links in die vom Regen durchtränkte Wiese.

Dann signalisiere ich der Thailänderin, dass ich so nicht weiter komme.

 

Wieder beginne ich einhändig das Bike zu entpacken.

Die Isomatte entgleitet mir und fällt in den Schlamm.

Die Lenkertasche stelle ich auf eine Holzbank. Meine ich zumindest.

Tatsache ist: Auch sie landet kopfüber im Matsch.

 

Ich könnte ausrasten.

 

Schnell löse ich das Hinterrad und lege die ölverschmierte Kette wieder auf das Ritzel und das Kettenblatt. Als alles Gepäck wieder am Bike befestigt ist und ich losfahren will, ist die Kette schon wieder nicht mehr da, wo sie sein soll.

 

Also schieben.

Bergauf.

60 kg.

Mit einer schleifenden Hinterradbremse.

 

500 Meter später erreichen wir endlich das Guesthouse. Sieht von Weitem gar nicht schlecht aus. Dafür aber aus der Nähe.

 

Eine Bambushütte mit zwei Matratzen auf dem Boden. Kaum Platz zum Gehen oder Gepäck ablegen. Ein Duschklo.

 

Annica. Nichts währt ewig. Ich lasse mir von der Inhaberin per Motorroller noch Reis mit Ei holen und drei Dosen Leo-Bier. Das ertrage ich sonst echt nicht mehr.

 

Wenigstens das Essen und das Bier kommt innerhalb von wenigen Minuten.

So gut ich kann, genieße ich das karge Mahl und beruhige mich langsam.

 

Danach erst öffne ich die erste Dose Bier.

 

Dann beginne ich mit meinem Notfallaktionsplan. Schadensbegrenzung ist angesagt. Langsam gehen mir die trockenen Klamotten aus. Also verlege ich eine Wäscheleine in meiner Koje und beginne damit, meine total verschwitzten Klamotten aufzuhängen. Ammoniakgerüche, das Resultat von vier Tagen, schlägt mir entgegen. Der angeschaltete Ventilator verwirbelt den Gestank etwas. Selbst die Ameisen flüchten hinter die Bambuswand.

 

 

Aus dem Nebenzimmer höre ich glasklar die Stimmen meiner Nachbarn.

Also Kopfhörer und Billy Idol.

Im Anschluß daran Trance. Volle Lautstärke.

Irgendwann ist dann auch die dritte Dose leer.

Zähne putzen fällt aus.

Ende für heute.

 

Morgen früh lege ich die Kette wieder auf das Ritzel und ersetze die gebrochene Speiche.

 

Alles wird gut.

 

11.November 2016

 

Ein neuer Tag bricht an.

 

Na, dann wollen wir doch mal schauen, warum die Kette immer öfter abspringt, denke ich, als ich mich nach draußen begebe, um mein Rad auf den Kopf zu stellen.

 

Langsam lasse ich die Kette nach hinten durchlaufen. Zunächst prüfe ich, ob alle Zähne am Ritzel hinten noch in Ordnung sind. Anschließend schaue ich mir jedes Kettenglied einzeln an. Was ich dabei entdecke, ist einfach nur schockierend und unglaublich zugleich.

 

Ein Kettenglied ist einseitig komplett gebrochen. Falsch. Das daneben ebenfalls. Und das dritte in der Reihe auch noch. Ich kann es nicht fassen. Das kann doch nicht sein!?

 

Mit dem ausgebauten Hinterrad geht es zurück in die Hütte, wo ich die defekte Speiche gegen meine vorletzte neue austausche. Wieder vor der Hütte, an meinem Rad angekommen, lasse ich die Kette nochmals langsam durchlaufen. Dann ein zweites Mal. Ich habe mich getäuscht. Da ist nirgends etwas gebrochen.

 

Für die Hinterradbremse kann ich auch nichts tun. Zu oft sind die letzten Wochen die Speichen beim Anziehen weg geknallt. Und ohne die Speichen anzuziehen, bekomme ich den Achter nicht raus. Da muss ein Fachmann ran.

 

Zwei Instantkaffee und eine Reissuppe später verabschiede ich mich und schiebe mein Reiserad die paar Meter die Einfahrt hoch. Ab jetzt benötige ich 32 km Abfahrtsstrecke, dann kann ich die letzten 57 km mit dem Zug nach Chiang Mai fahren. Dort gibt es Werkstätten, Mechaniker und Ersatzteile.

 

Doch so weit komme ich nicht. Beim zweiten oder dritten Zwischenanstieg springt die Kette wieder ab. Gerade rechtzeitig vor einer überdachten Haltestelle.

 

Zum x-ten Mal entpacke ich mein Fahrrad und stelle es auf den Kopf.

Ich habe mich nicht getäuscht. Drei Kettenglieder sind einseitig gebrochen.

Ein Wunder, dass die Kette noch nicht gerissen ist.

 

Genug Ersatzkettenglieder habe ich dabei und Kettenschlösser ebenfalls. Doch warum soll ich das jetzt tauschen, bis jetzt hat die Kette ja gehalten, so meine gewagte Überlegung. Und dann entsteht ein Zweistufenplan.

 

 

Ich hoffe auf möglichst wenig Gegenanstiege und dass die Kette die nächsten 30 km nicht reißt. Dann wäre ich in der Talsohle und wenn ich mich dann recht entsinne, geht es mehr oder weniger flach 57 km nach Chiang Mai.

 

In der Talsohle angekommen, werde ich dann die Bremsklötze meiner Hinterradbremse entfernen, damit ich nicht gegen diesen Widerstand pedalieren muss. Die halbe Vorderradbremse sollte reichen, da ja nicht mehr mit Gefälle zu rechnen ist.

 

Ich habe anscheinend keine Chance, also versuche ich sie zu nutzen.

 

 

Es wird ein Höllenritt, denn es beginnt wieder zu nieseln.

In jeder Kurve rechne ich damit, dass meine Reifen wegschmieren und ich in den Gegenverkehr unter ein Auto rutsche.

 

Immer mehr werde ich eins mit meinem Stahlross. Fühle jede Unregelmäßigkeit unter mir, horche förmlich in das Bike hinein. Versuche bereit zu sein um Notfalls zu reagieren. Jede Sekunde. Bin angespannt bis zum Zerreißen.

 

An jedem Gegenanstieg versuche ich so vorsichtig wie möglich zu schalten und zu pedalieren. Hält die Kette?

 

 

Dann wird es flacher und trockener. Langsam fällt die Spannung in mir ab.

Die Schönheit der Natur bekommt meine ganze Aufmerksamkeit. Zumindest bei den Stopps.

 

Vorsichtiger Optimismus keimt in mir auf und wird zur Gewissheit, als ich die Kreuzung nach Chiang Mai erreiche.

 

Noch 57 km.

 

 

 

Kurze Pause. Ich trinke einen Eiskaffee und entferne die Bremsbeläge hinten. Das Hinterrad rollt wieder ohne Widerstand.

 

Vier Stunden später, kurz vor Einbruch der Dämmerung rolle ich in Chiang Mai ein.

 

 

 

Reisen heißt Abenteuer und Improvisieren.

 

Ungewöhnliche Ereignisse erfordern ungewöhnliche Maßnahmen.

 

Und: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

 

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