Ärger mit der Polizei

Einmal den Kopf zu tief gehalten, damit nicht vorausschauend gefahren und schon passiert es. Es ist Freitag, der 11. März und damit der vorletzte Radeltag, bevor ich mein endgültiges Ziel Khao Lak erreichen werde.

 

Zwei Tage zuvor, am Abend meiner Ankunft in Chumphon, hatte ich in einer ruhigen Seitenstraße, ein relativ neues und sauberes Guesthouse gefunden.

 

 

Sogar meine Wäsche wurde dort über Nacht gewaschen und getrocknet. Als ich sie morgens in Empfang nehmen möchte, fehlt allerdings der Vakuumpacksack, in dem ich die schmutzige Wäsche abgeliefert hatte.

 

Interessanterweise stelle ich immer wieder fest, daß kaum jemand außer mir diese Packbeutel kennt. Dabei ist der nylonverstärkte Kunststoffbeutel einer meiner absoluten Favoriten, wenn ich auf Tour gehe. Der Pack-It Compressorbeutel mit Ein-Weg-Druckventil und Zip-Verschluss schrumpft Kleidung um rund 80% zusammen.

 

Der junge Thai, der wie ich bereits früh morgens auf den Beinen ist, versteht mein Anliegen jedoch nicht. Das ist immer das Risiko, wenn ich meine Wäsche in meinen Packbeuteln abgeben. Für die Thais ist Plastiktüte gleich Plastiktüte. Und ohne die geht gar nichts. Jedesmal wenn ich im 7Eleven-Supermarkt einkaufe,  läuft dasselbe Spiel ab. Kaum hat der Kassierer oder die Kassiererin die Preise der gekauften Artikel in den Kassencomputer gehämmert, folgt auch schon der automatische Griff zur obligatorischen Plastiktüte. Das ist dann auch der Moment, in dem ich "no plastic bag" sage und meist Unverständnis ernte. Umweltschmutzung, so weit denken hier die Wenigsten.

 

Jedenfalls bietet der junge Thai mir eine der vielen herumliegenden Tüten an, die ich nicht will. Kurzerhand gehe ich um den Tresen herum und statte ihm einen Besuch ab. Schnell habe ich den Raum und den Boden mit meinen Augen abgesucht. Ohne Erfolg. Doch bereits im Nebenraum werde ich fündig. Als ich zielstrebig auf meinen Packbeutel zugehe, meine ich wahrzunehmen, daß nun auch der junge Thai verstanden hat.

 

 

Kaum auf dem Highway Nr. 4 angekommen, der aus Chumphon raus nach Ranong führt, besorge ich mir erst mal ein leckeres Frühstück. In Fett gebackene, kleine, noch warme Teilchen. Gut gelaunt radel ich los, greife immer wieder in die Tüte und genieße das leckere Morgenmahl.

 

Mein zweimaliger Versuch, meinen Freunden von der Fraktion der Straßenhunde etwas Gutes zu tun, wird zu meinem Bedauern beide Male mit Flucht quittiert, sobald ich anhalte.

 

Die scheinen doch zu viele schlechte Erfahrungen mit der Bestie Mensch gemacht zu haben. Schön, daß man trotzdem immer wieder auf Exemplare trifft, die noch nicht so "versaut" sind und Hilfe gerne annehmen.

 

Von Iny und Dom erreicht mich nach unserer Trennung noch ein Bild "einer meiner Hunde", der wohl am Tage nach meiner Abreise vergeblich auf mich gewartet hat. Auf "unserem" Schlafplatz, der Veranda meiner Hütte.

 

 

Mit etwas Zivilcourage oder anders formuliert, weil ich meine Klappe einfach mal wieder nicht halten konnte, hatte ich ein paar Tage zuvor auch in Prachuap Kiri Khan etwas bewirken können.

 

Ich war gerade ausgehungert in dem netten Städtchen angekommen und hatte mir im erstbesten Restaurant Tom Yam Suppe mit Reis bestellt, als ein Polizeipickup vor der Restaurant zum stehen kam.

 

Der ranghöhere Polizist stieg aus und ging auf die Restaurantbesitzerin zu, um ihr irgend etwas Hochoffizielles mitzuteilen. Alle erstarrten in Ehrfurcht, mit Ausnahme meiner Wenigkeit. Ich beobachtete die Szene. Der Fahrer war sitzen geblieben und ließ, wie üblich in Thailand, den Motor weiterlaufen.

 

 

So weit, so schlecht. Nach kurzer Zeit, stieg der Fahrer plötzlich aus, ging Richtung seines Vorgesetzten und fing an, die Szene und die Beteiligten zu fotografieren. Etwas, was immer mehr Usus wird und ich persönlich überhaupt nicht mag. Das hat sowas von Überwachung oder ausgeliefert sein. Frei nach dem Motto: "Untertan, halte die Klappe, wir sind die Staatsmacht und Du hast zu funktionieren."

 

Nach gefühlten fünf Minuten war das kleine Schauspiel zu Ende, der Motor lief immer noch und der Vorgesetzte ging an meinem Tisch vorbei ins benachbarte Lokal um die nächste Vorstellung zu geben.

 

Zeit, mir den kleinen Wichtigtuer alias Fahrer alias Starfotograf zu schnappen.

 

"Can you please switch off the engine?" fragte ich ihn. Zunächst wunderte er sich, dann wandte er sich überheblich an die Restaurantbesitzerin, faselte etwas von "Farang" und lachte abschätzig über mich.

 

Dazu sollte man wissen, daß Farang der in Thailand übliche Begriff für Ausländer mit weißer Hautfarbe ist. Generell ist Farang ein neutrales Wort, kann aber auch – je nach Kontext – abwertend bzw. als Schimpfwort verstanden werden (Quelle: Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Farang).

 

 

Klar, daß es meinem neuen Freund in der ungewohnten Rolle nicht so wohl war. Jetzt nur nicht klein beigeben, dachte ich. Wenn er etwas nicht verstanden hat, dann muß ich ihm helfen es zu verstehen. Ich wiederholte meinen Wunsch unnachgiebig und ohne eine Zweifel daran zu lassen, daß ich nicht gewillt war, erfolglos sitzen zu bleiben. Ich deutete also auf die Luft über unseren Köpfen, auf meine Nase und zeigte ihm mit einer drehenden Handbewegung, was ich von ihm erwartete. Mit Erfolg. Er ging zu seinem Pickup und schaltete den Motor aus.

 

 

Zurück zur Strecke von Chumphon nach Ranong.

 

Ein Australier hatte mich tags zuvor vor der schlechten Straße gewarnt. Viele Baustellen und holprige Pisten. Das Gegenteil ist der Fall. Fast durchgehend pedaliere ich auf nagelneuem Asphalt. Oft nutze ich auch den für den Normalverkehr gesperrten Baustellenbereich und freue mich darüber, eine Straßenseite ganz alleine für mich zu haben.

 

 

Der Schaltdrehgriff meines Rohloffgetriebes lässt sich immer schwerer drehen, dennoch läuft es gut an diesem Tag und ich erreiche wie letztes Jahr die engste Stelle Thailands, den Kra Isthmus, schneller als gedacht. Von hier sind es nur noch 100 Meter nach Myanmar. Ob mein Visum noch gilt?

 

 

Am Nachmittag folgen zwei weitere Episoden zum Thema "lieber alleine auf der Straße als unter Menschen".

 

Während ich versuche, mein Mittagessen und den Schatten in einem Straßenlokal zu genießen, höre ich den thailändischen Lokalbesitzer mit einem Kleinkind im Hintergrund.

 

 

Durch die aktustischen Eindrücke bedingt, stelle ich mir bereits nach kurzer Zeit die Frage, ob der Erwachsene nun derjenige ist, bei dem sich das Hirn noch entwickeln muß oder das Kleinkind, das er immer wieder mit dem selben "dudsidudsididsi"-Mist bombardiert.

Und das alles vor dem Hintergrund des visuellen Volksempfängers, genannt TV, der wohl weltweit hauptsächlich gequirlte Kacke im Flachbildformat zeigt🙄.

 

Funktionieren die kleinen Menschen nicht, weil sie vielleicht zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, parkt man sie einfach vor dem Fernsehgerät.

Das hilft. Nur nicht dem Kind. Immer wieder leide ich mit den kleinen Erdenbürgern, die so viel Potential in sich tragen und das so mutwillig abgetötet wird. No hope for human beings.

 

Kurz vor Ranong kommt noch eine knackige Steigung, der Rest ist nicht mehr der Rede wert, denke ich und fahre am Fuße des Anstiegs noch mal rechts ran, um mir eine eiskalte Cola einzuverleiben. Das ist eines der Dinge, die ich beim Radeln so liebe.

Essen und Trinken ohne Reue. Cola, Eiscreme, schneller Zucker. Das kann ich jeden Tag relativ gedankenlos konsumieren, weil es der Körper direkt in Energie umwandelt. 

 

Doch diesmal wird mir der Genuss unmöglich gemacht. Nicht daß es keine Cola gäbe. Sie ist auch eiskalt. Nein, eine junge Thailänderin sitzt zehn Meter von mir entfernt und schnattert ohne Punkt und Komma in ihr SmartPhone, als hinge ihr Überleben davon ab.

 

UNERTRÄGLICH für mich. Wenn ihr fühlen könntet, was ich fühle. Das tut mir körperlich weh. Ist wie eine Folter für meine Ohren und mein Hirn. Ich muß weg. Lieber bei 37 Grad im Schatten eine Steigung hoch, als länger diesen Akkustikterror zu ertragen.

 

 

Die Straße ist richtig steil, doch sie zieht sich nicht so sehr in die Länge, wie ich sie in Erinnerung habe. Oben angekommen, übergieße ich meinen überhitzten Kopf mit einer kleinen Flasche eiskalten Wassers. Welch herrliche Erfrischung.

 

Für Minuten geht es nur noch bergab. Herrlich kühler Fahrtwind trocknet mein klatschnasses Muskelshirt in kürzester Zeit. Dann habe ich es geschafft. Ranong. Die Kleinstadt, die mir letztes Jahr bei meiner Ankunft zum Verhängnis wurde. Hier war ich aus dem burmesischen Boot gestiegen, ohne zu wissen, daß ich bei meiner Einreise keinen Stempel bekommen hatte und damit illegal war.

 

 

Vergangenheitsbewältigung. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr war ich für vierzehn Tage hinter Gittern verschwunden. Das was ich dieses Jahr mache, ist ein bißchen wie Tauchen nach einem Tiefenrausch. Du mußt zurück, dorthin wo es passiert ist. Du mußt Dir selbst beweisen, daß es einmaliges Pech war.

 

Gut eine Stunde irre ich noch durch Ranong. Komme in Gegenden, wo man Farangs nicht mag. Das spüre ich. Auf meine Fragen bekomme ich nur spöttische Antworten. Irgendwann stelle ich fest, daß ich wieder dort bin, wo ich vor einem Jahr an Land gegangen bin. Unten im
Hafen. Bei den Fischern. Sackgasse. Es geht nicht mehr weiter. Also drehe ich mich. Will raus aus der Situation. Wähle eine andere Richtung und einen anderen Weg.

Dorthin wo mich mein Herz führt.

Wie so oft im Leben.

 

P.S. Die Geschichte mit meinem blutigen Arm, erzähle ich Euch in meinem nächsten Blogartikel.

 

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Kommentare: 3
  • #1

    etetgfvv (Montag, 21 März 2016 09:53)

    Krasse Tour, die du machst, Respekt.
    Den Part mit den laufenden Pickups finde ich etwas selbstgerecht. Das machen die Thais, damit die Klimaanlage läuft und sie kein 110 Grad heißes Lenkrad anfassen müssen. Mindestens einmal im Jahr um den halben Planeten zu fliegen und dann die Eingeborenen wegen ein paar Plastiktüten/ Leerlaufminuten eines Motors zu kritisieren, ist nicht das, was den Planeten rettet.
    Nur mal so am Rande. Ich lese deinen Blog sehr gerne und wünsche dir eine tolle Reise

  • #2

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