Greg flüchtet

Am 30. Januar passiert genau das, was Greg und ich am Vortag schon diskutiert hatten. Nur deutlich früher als erwartet.

Am Vortag waren wir nach einem kleinen Frühstück gut aus Kampot weggekommen, hatten die von Fat Sam empfohlene Alternativroute (Straße 124), abseits des vielbefahrenen Highways, nach Phnom Penh gefunden und uns über die Ruhe und die schöne Landschaft gefreut.

 

Greg hatte Slab Leng als ideales Ziel genannt. In Google Maps hatte er in der Kleinstadt sogar ein Guesthouse Symbol entdeckt. Bis dahin waren es etwas mehr als 80 km.

 

 

Wir kamen gut voran. Nach dem Mittagessen in einem schönen Gartenlokal mit überdachten Essplätzen aus Bambus inklusive Hängematten, hatte ich die Gelegenheit genutzt und ein Nickerchen gemacht. Den Löwenanteil der 148 km zwischen Kampot und Phnom Penh wollten wir gleich am ersten Tag hinter uns bringen. Der Grund dafür liegt in meiner Großstadtstrategie, die wie folgt aussieht:

 

  • möglichst so nahe wie möglich an den urbanen Gürtel der Stadt heranfahren
  • übernachten
  • am nächsten Tag morgens in die Großstadt "eintauchen"

 

Warum überhaupt eine Strategie für Großstädte? Ganz einfach. Die Erfahrungen auf meiner ersten Radreise von Stuttgart zum Mount Everest Basecamp 2008,  hatten mich gelehrt, daß Städte oft so groß sind, daß man mit dem Rad zu spät reinkommt, um noch eine Unterkunft zu finden. In Maschhad, der zweitgrößten Stadt im Iran, mußte ich an einer 4-sprurigen Straße im Zentrum, hinter einer Bushaltestelle, mein Zelt aufschlagen.

 

 

Selbst beim rausfahren aus einer Großstadt wie Bangkok, benötigt man oft einen ganzen Tag.

 

Abgeschaut habe ich mir das Ganze von den Bergsteigern. Zuerst ein Basislager errichten und von dort aus dann das große Ziel (hier die Stadt) angehen.

 

Je mehr wir uns am späten nachmittag der Kleinstadt näherten, umso mehr schauten wir uns nach einem Zelt- und Schlafplatz um. Wir hatten uns darauf geeinigt, nur dann in einem Gasthaus zu schlafen, wenn es sauber und ruhig aussah. Greg hatte genug von Karaoke TV-Bars. Wie so eine Bar funktioniert?

Im folgenden VIDEO wird das wunderbar erklärt.

 

Als wir Slab Leng Market erreicht hatten, mußten wir zunächst an einem ATM anstehen, um Geld abheben zu können. Mir waren die Dollars ausgegangen und Greg hatte auch nicht mehr viel davon in der Tasche.

 

Wir nutzten die Wartezeit, um nach dem Guesthouse zu fragen. Doch schnell wurde klar, hier gibt es zwar einen Geldautomaten, aber kein Guesthouse.

 

20 km weiter war die Situation anscheinend genau umgekehrt. Es gab keinen Geldautomaten, aber ein Guesthouse. Schwer zu verstehen für westliche Menschen wie uns. Aber vielleicht denken wir auch ganz einfach nur zuviel darüber nach, anstatt es zu akzeptieren wie es ist.

 

Anders. Nicht mehr und nicht weniger.

 

Oder anders formuliert: eine Frage des Sichtweise, der Perspektive, wie nachstehendes Video veranschaulicht. Ich mußte immer wieder lauthals loslachen!

 

 

„Die Bräuche sind Formen menschlichen Verhaltens, die das Individuum übernimmt und vollzieht, weil ihm - bald in dieser, bald in jener Weise - kein anderer Ausweg bleibt. Sie werden ihm durch die Umgebung, mit der es zusammenlebt, durch die Übrigen, die Leute, die Gesellschaft, oktroyiert.“

 

– José Ortega y Gasset: Der Mensch und die Leute , München: dtv, 1961, S. 9.

 

Die letzte Stunde hatten wir schon nach Schlafplätzen Ausschau gehalten, aber ich meinte auch gespürt zu haben, daß dieser Umstand Greg zunehmend nervöser werden ließ. Für mich was das ein ganz normaler Vorgang.

 

Jedenfalls radelten wir gerade aus Slab Leng raus, als ich beschloß, die Guesthousesuche offiziell durch ein Ritual abzuschließen. Greg stimmte mir sofort zu. Also drehten wir noch einmal kurz um, tranken eine eiskalte Dose Angkorbier und machten uns auf in die Dämmerung. Viel Zeit hatten wir nicht mehr.

 

Und dann passierte etwas, was immer wieder auf meinen Reisen geschieht. Keine 100 Meter nach unserem Stopp kommt von rechts ein Mopedfahrer mit einem Kind und fährt langsam neben mir. Wir schauen uns kurz an und dann frägt der Kerl mich doch, ob wir einen Schlafplatz suchen. Ja klar!

 

Saudi, so heißt der junge Kambodschaner, hat mehrere Jahr in Siem Reap gearbeitet und spricht sehr gut englisch. Er hält kurze Zeit später vor seinem eigenen Gartenrestaurant und zeigt auf ein Gebäude in 500 Meter Entfernung.

 

Wir versprechen ihm, in seinem Lokal zu Abend zu essen, wenn wir das Guesthouse für gut befinden. Doch wir steuern das falsche Gebäude an. Eine KTV-Bar. Logisch, daß die Mädels kichern, als wir mit unseren Gesten nach einer Übernachtungsmöglichkeit fragen. Sie zeigen auf das Nachbargebäude. Wir inspizieren die 6$-Zimmer und bleiben.

 

Den Abend verbringen wir in Saudi´s Lokal und essen Unmengen von Reis und scharfen, kambodschanischen Currygerichten.

 

Am nächsten Morgen gehen wir die letzten 58 km an.

 

Doch der urbane Gürtel Phnom Penhs beginnt viel früher als erwartet. Je mehr Verkehr wir auf der Straße haben, umso aggressiver und wütender wird Greg. Fast jeder Satz beginnt mit "F..." und endet mit "Shit".

 

Bis zu diesem Tag dachte ich immer, mich würden Städte stressen, aber Greg ist da noch einmal ein ganz andere Hausnummer.

 

Immer wieder versuche ich ihn zu beruhigen, ihn weiter zu motivieren, doch auch ich habe Gedanken wie "das ist das letzte Mal, daß ich mir eine Großstadt antue".

 

Deswegen kann ich mich auch nur wundern, daß immer mehr Menschen gerne in Großstädten leben möchten oder ihre ganzen Wochenenden dort verbringen.

 

 

Mehrfach wird unser Vorstoß ins Stadtzentrum unterbrochen. Erst springt mir die Kette vom Ritzel, dann biegen wir falsch ab und nutzen unseren Fauxpas für eine Trinkpause. Bei einem Fotostopp mache ich das folgende Bild.

 

 

Wieder regt sich Greg unheimlich über den Müll auf.

 

Bin ich bis dahin meist vorne gefahren, ändert sich das schlagartig. Immer wieder verschwindet Greg, vor mir fahrend, aus meinem Blickfeld. Seine Aggressionen beeinflussen jetzt seinen Fahrstil. Im Zentrum von Phnom Penh stoppe ich an einem Restaurant, um noch einmal die Situation zu entspannen. Greg will lieber so schnell wie möglich zum Flußufer, damit wir uns von dort aus neu orientieren können.

 

Wir kämpfen uns weiter durch den Großstadtverkehr. Endlich ein Stadtviertel mit Guesthouses. Wir fragen in einer Seitenstraße nach dem Zimmerpreis. 20 $. Wir einigen uns darauf ein, zwei Alternativen anzuschauen.

 

Doch dazu kommt es nicht mehr. Greg hat eine Entscheidung getroffen. Er will so schnell wie möglich raus aus dieser Stadt. Ich schaue ihn an und meine zu wissen, wie er fühlt. Zu oft ist es mir ähnlich gegangen. Das letzte, was ich dann gebrauchen konnte, waren so Sprüche wie "laß uns einen Kompromiß finden...".

 

Ich respektiere seine Entscheidung. Man lernt Abschied zu nehmen, wenn man so lebt wie ich. Es war eine wirlich tolle Zeit und ich habe in Greg so etwas wie ein Spiegelbild gefunden. Einen anderen "lone wolf". Wir waren uns in vielen Dingen sehr ähnlich. Dachten in vielen Dingen gleich.

 

Wir geben uns kurz die Hände. Dann dreht er sich um und radelt davon.

 

Am Abend schreibt mir der verrückte Kerl eine Mail.

 

 

Sage und schreibe 63 Kilometer macht Greg an diesem Tag noch in drei Stunden!

 

Er findet ein Guesthouse, kann zuerst nicht duschen, weil kein Wasser aus der Dusche kommt, dann, während er nackt unter der Dusche steht, fällt erneut der Strom aus. Er duscht im Dunkeln weiter, entscheidet sich, seine stinkenden Bikeschuhe gleich mitzuwaschen und stellt danach mit Entsetzen fest, daß er während seiner Fahrt eine Sandale verloren hat. Notgedrungen geht er mit nassen Schuhen in ein Restaurant zum Abendessen.

 

Das war definitiv nicht sein Tag...

 

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