Lone Wolf bekommt Gesellschaft


Es geht gegen 6 Uhr, als ich langsam aus meiner letzten Tiefschlafphase erwache. Warum, ist mir zunächst nicht klar. Meine Sinnesorgane arbeiten, doch für einen kurzen Moment fühle ich mich wie in Watte gepackt. Da ist etwas in meiner Nähe und fast gleichzeitig höre ich auch ein seltsames Geräusch. Mein Gehirn sucht in den vorhandenen Schubladen und wird schnell fündig.

 

Da draußen am Zelt oder an meinem Fahrrad macht sich ein Tier zu schaffen.

 

Etwas Größeres, das meine ich zu spüren. Die Präsenz des Lebewesens da draußen ist fast greifbar. Das Geräusch wiederholt sich und scheint richtig nahe.

Ein, zwei Meter. Mehr Abstand besteht nicht zwischen uns zwei.

Das Schnüffelgeräusch wiederholt sich. Zeit sich bemerkbar zu machen. Als Antwort bekomme ich nervöses Bellen. Okay, jetzt weiß der da draußen, daß da drinnen einer ist. Doch das scheint für ihn kein Grund zu sein, Reißaus zu nehmen. Das Bellen klingt nicht ganz selbstsicher, das Gegenteil ist eher der Fall. Doch es entfernt sich nicht. Ich suche mein Pfefferspray und finde es auch sofort. Ziehe mich an. Wieder wird gebellt. Ich bin mir nicht sicher, ob der Hund sich da draußen jetzt schon etwas entfernt hat. Ich weiß nicht wie groß er ist, wie alt, ich weiß gar nichts. Ich mag Hunde. Bin mit ihnen aufgewachsen. Aber sicher ist sicher. Also besser mit Spray nach draußen. Man weiß nie. Vielleicht ist das hier sein Revier. Ich öffne den Reißverschluß des Innenzeltes, schnappe meine Sandalen und dann bin ich mir sicher, das Bellen kommt jetzt aus einer größeren Entfernung. Als ich vor dem Zelt stehe, schaue ich mich vorsichtig um, das Bellen entfernt sich weiter. Mein unbekannter Freund ist auf dem Rückzug. Ich bekomme ihn nicht einmal zu Gesicht.

 

Anschließend packe ich wie immer mein Zelt zusammen und starte ohne Frühstück in den frühen Morgen. Greg und ich wollen uns irgendwo auf der Straße treffen oder spätestens in 109 km. Dann hätten wir Kampot erreicht.

 

Keine 10 Minuten später stoppe ich, um zwei zuckersüße Instantkaffee zu trinken und eine Packung Kekse zu verdrücken. Ich habe Hunger, am Vorabend war auch das Abendessen ausgefallen. Die Landschaft ist für wenige Minuten in schwefelgelbes Licht getaucht, um mich herum erwacht langsam das Leben.

 

Es geht über einen Fluß, aus dem ein halb versunkenes Schiff ragt.

 



 

Weiter geht es an unzähligen, typisch kambodschanischen Häusern vorbei. Menschen schauen mich staunend an, als ich sie grüße und ihnen zuwinke.

Alle Kinder geraten geradezu in Verzückung und die "hello"-Rufe ebben erst ab, wenn ich ebenfalls mit "hello!" geantwortet habe.

 



 

Hinter Srae Ambel frühstücke ich dann so richtig kambodschanisch.

Reis mit Suppe.

 

Zurück auf der Straße frage ich mich, ob Greg schon vor mir radelt.

So, wie ich ihn kennengelernt habe, ist das eher unwahrscheinlich.

 


Um genau 08:30 Uhr erreiche ich die Abzweigung nach Phnom Penh. Für mich heißt es aber zunächst weiter Richtung Sihanoukville, dann aber links weg nach Kampot.

 

In Sihanoukville gibt´s zwar schöne Strände, aber auch Horden von jungen Backpackern, die die Nacht dort zum Tage machen.


 

Nichts für einen "lone wolf" wie mich. Den Namen habe ich mir übrigens nicht selbst gegeben. Das hat ein amerikanischer Exkollege von mir, 2013 in Atlanta, gemacht. Mir gefällts und es trifft auch gut auf mein Reiseradlerleben zu.

Seit ich zu viele schlechte Erfahrungen mit anderen gemacht habe, radel ich bevorzugt alleine. Ausnahmen bestätigen die Regel.

 

Pyschologisch betrachtet ist Reisen auch das beste Persönlichkeitstraining. Behauptet zumindest Martin Krengel. Der hat sogar ein Buch mit dem

Titel "Stoppt die Welt, ich will aussteigen geschrieben". Nachstehend ein Auszug aus einem FOCUS-Interview mit ihm:

 



 

Kurz darauf bin ich wieder vollständig bekleidet auf der Straße zu finden. Rechts von mir taucht Greg auf. Es hat mal wieder geklappt. Ohne App und Smartphone. Unfassbar, oder?

 

Der Rest des Tages vergeht im Flug, weil Greg endlos Geschichten aus seinem Leben als Speerfischer auf den Philippinen auf Lager hat. Ohne Punkt und Komma, aber es macht irre Spaß ihm zuzuhören. Die Straße ist gut zu radeln, Sehenswürdigkeiten machen das Ganze zudem abwechslungsreich.

 



 

Locker und flockig erreichen wir nach mehr als 100 km Kampot und bekommen die letzten beiden Zimmer in einem traumhaften Guesthouse direkt am Fluß. Zum Spottpreis von 6$. Wir hatten locker mit 20$ gerechnet. Optimistisch sagen wir sofort zu, mindestens drei Tage zu bleiben. Doch das Itchy Feet Syndrom meldet sich bereits am zweiten Tag nachmittags. Ein erneuter, großer Riss am Hinterteil meiner 10$-Nepal-NorthFace-Fake-Trekkinghose verhindert jedoch unsere Abreise. Meine Hose braucht einen Schneider.

 

Also verbringen wir entspannte Tage und lange Abende in der ruhigen Kleinstadt.

Eiskaltes Dosenbier für 75 Cent, leckere French Fries (Pommes), SpareRibs, Ananas und Zimtschnecken, Rührei mit Speck und viele andere Leckereien machen den Aufenthalt zum kulinarischen Festschmaus.

 



 

Am 29. Januar verlassen wir Kampot Richtung Phnom Penh. Es wird unsere letzte gemeinsame Etappe werden. Von der kamboschanischen Hauptstadt aus, plane ich nordwärts Richtung Laos und Greg ostwärts Richtung Vietnam zu radeln.

 

Daß die Trennung dann so abrupt vollzogen werden soll, ahnen wir Beide noch nicht.

 


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