Dunkle Gestalten vor meinem Zelt...

Ich bin am Ende. 50 km Strecke und 1.491 Höhenmeter. Serpentine um Serpentine quäle ich mich weiter nach oben. Halte Ausschau nach einem Fleckchen Erde, auf dem ich mein nagelneues Zelt zum ersten Mal aufschlagen kann. Endlich. Rechts geht es ein Stückchen eben weg von der Straße. Der ca. 30 m lange Platz mündet am Ende in einen steil nach oben führenden Pfad. Das sind in Nepal die "Nebenstraßen", auf denen die Bewohner oft noch einige Kilometer zu Fuß zurücklegen bis sie ihr Zuhause weit oben erreicht haben.

Der erste Schock dann beim Auspacken. Weit und breit keine Häringe. Alle Packtaschen werden durchsucht - ohne Ergebnis. Habe ich Vollidiot den Gewichtsfanatismus übertrieben und allen Ernstes die Häringe daheim gelassen ? Ein paar Synapsen in meinem Hirn basteln ein Bild zusammen. Pokhara - Hotel. Der kleine Schrank. Da lagen sie doch. Okay. Dann müssen wir halt mit vier Plastikhäringen zurecht kommen. Klingt interessant bei dem Wind der gerade ums Zelt weht. Ich breite das Zelt aus und was liegt da: die Stahlhäringe.


Manchmal bin ich halt doch nicht ganz unvoreingenommen mir gegenüber.


Es dauert ein ganze Weile, aber dann steht mein neues Zuhause. Alles wird sauber und sinnvoll verstaubt. Pfefferspray und Buck Knife kommen neben das Kopfende. Man weiß ja nie, wer einen nachts noch besucht.


Nach der abendlichen Wäsche mit zwei frischen Socken - einer mit Duschgel, einer zum Klarwischen hinterhern - döse ich schnell erschöpft ein. Ca. zwei Stunden später werde ich wach. Die Sterne! Die wollte ich doch mal nachts ausgiebig betrachten! Ich öffne das Moskitoinnenzelt und robbe im Schlafsack liegend mit dem Oberkörper in mein äußeres Vorzelt.


Sterne gucken. Wow. Lohnt sich, denke ich, als ich plötzlich Stimmen höre. Da komme vier, fünf dunkle Gestalten die Straße herunter. Wo wollen die hin? Ich verhalte mich ruhig. Bleibe im Dunkeln liegen.


Sie werden langsamer. Jetzt bin ich gespannt. Sie wenden sich meinem Zelt zu, bleiben aber auf Entfernung. Der Anführer muß handeln, das meine ich zu spüren. Er geht unschlüssig auf mein Zelt zu. Nach fünf Metern bleibt er stehen. Kurz überlege ich die Stirnlampe anzumachen. Nein, warum. Lassen wir sie im Unklaren. "Who are you?" ruft der Anführer ins Dunkle. Meine Outdoor-, Reise-, oder was weiß ich was für eine Erfahrung signalisiert mir: der fühlt sich unwohler in seiner Rolle als ich. Also pokere ich selbstbewußt: "Who are you?". Schnell kommt die Antwort "i am nepali".


Ich sage: "i am a german cyclist".


Darauf er: "Okay you can sleep here."


'"Thanks" und dann schiebe ich blitzschnell noch ein "Shuva ratri" Gute Nacht auf nepalesisch hinterher. Die dunklen Gestalten trollen sich von dannen.


Ich überlege. Kurz vor meinem Zeltplatz, in einer Kurve, hatten mich zwei Mädels, die Ziegen hüteten, eingeholt. Zuvor war ich einfach an ihnen vorbeigeradelt, hatte sie ignoriert, weil ich mit meinem Uphillkampf genug zu tun hatte. Als ich in einer Kurve Pause mache, quatschen sie mich an. Danach radel ich weiter, wir winken uns mehrmals von Serpentine zu Serpentine zu. Irgendwann sehe ich beim zurückschauen, wie sie einen Pickup anhalten. Kurze Zeit später fahren die beiden Anhalterinnen johlend an mir vorbei. Das war´s, denke ich. Weit gefehlt. Kurz danach kommen sie wieder auf mich zu. Klar, sie müssen ja zu ihren Ziegen. Ich mache das Foto, das ihr hier seht. Die Mädels sind happy und wünschen mir ein gute Reise.


Da so ein Radler wie ich, ein "Weißer", immer Gesprächsstoff ist in einem kleinen Dorf, müssen die Jungs aus Langeweile gesagt haben: den schauen wir uns an.


Keine Panik, die Nepalis sind wirklich liebe Menschen.


Dazu muß man wissen, was ich erst durch Recherche erst kurz vor meiner Abfahrt in Kathmandu herausgefunden habe: der Banepa - Bardipas Highway wurde erst diesen Juli nach über 20-jähriger Bauzeit fertiggestellt. Man kann also davon ausgehen, daß noch nicht so viel "Weiße" diese Richtung eingeschlagen haben. Erschwerend kommt hinzu, daß Nordostindien auch nicht gerade von Touristen überschwemmt wird. Zu häufig sind bis heute die immer wieder aufflammenden Unruhen gerade in den nordöstlichen indischen Bundesstaaten, die ich ja auf meinem Weg zur Grenze nach Myanmar durchqueren will. Und der Grenzübergang von Indien nach Myanmar ist ebenfalls erst seit gut einem Jahr für Reisende offen. Doch dazu benötigt man ein spezielles Permit, daß ich erst ein, zwei Tage vorher erhalte. 

 

 


Meine eingeschlagene Richtung war also bis vor kurzem noch gar nicht so komfortabel fahrbar bzw. eine mit Unwägbarkeiten und Gefahren gespickte Sackgasse.


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Kommentare: 1
  • #1

    Patricia Friedrich (Dienstag, 15 Dezember 2015 19:26)

    Wow! Weiterhin gute und gesunde Fahrt!

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