2.000 km...

...geradelte Strecke liegen am 16.02. hinter mir, als das Hinterrad meines "Velotraums" sich zunehmend schwamminger anfühlt. Also fahre ich links ran. Zur Info: in Thailand ist Linksverkehr angesagt. Ich habe das schon ein paar Mal vergessen und kann von Glück sagen, daß mir nichts passiert ist. So ein Irrtum kann schnell tödlich enden. Schaut nach rechts, alles ist frei und von links werdet ihr beim überqueren der Straße von einem 30-Tonner von der Strasse gefegt...

 

Aber zum Glück gibt´s ja auch deutsche "Oberlehrer" und ein paar davon gefällt es halt auch in Thailand. Doch davon später mehr...

 

Zurück zum meinem Hinterrad. Mein Hinterreifen besteht den Drucktest nicht. Da fehlt Luft. Im Nachhinein gut 100 Luftpumpenstöße. Wie ihr sicherlich schon unterschwellig bemerkt habt, bin ich eher der Gefühlsmensch. Ich muss nicht alles messen. Deswegen zähle ich die Pumpenstösse. Selten reichen 50. Meistens sind es 100. Plus 10,20 oder 30. Auch wieder nach Drucktest und Gefühl.

Noch 15 km bis Kamala. Bei zunehmendem Verkehr. Die Strecke ist kurzweilig, da es viel zu sehen gibt. So reiße ich die Strecke locker runter, bis ich die Küste erreiche.

 

Schlagartig baut sich die erste kleine Rampe vor mir auf. Aber ich bin guter Dinge, fühle mich prächtig, könnte noch deutlich weiter fahren und so stellen auch die nächsten kurzen Steilstücke lediglich kurze Zwischenprüfungen dar. Die Krönung wartet auch heute mehr oder weniger zum Schluß. Es geht noch mal richtig hoch, verbunden mit zwei Kurven. In der zweiten gehe ich kurz für kleine Jungs. Erneut steige ich noch ein letztes Mal für diesen Tag so richtig in die Pedale, um auf dem Scheitelpunkt einen ersten Blick auf die Bucht von Kamala zu erhaschen. Um das ganze Panorama geniessen zu können, muß ich aber zunächst die Straße überqueren. Zwischen unzähligen, mit Touristen bestückten Rollern hindurch. Eine Geduldsprobe.

 

Schnell schieße ich ein paar Fotos. Eines davon seht ihr rechts oben. Danach heißt es nochmal den richtigen Moment für die Überquerung der stark befahrenen Küstenstraße abzuwarten. Eine letzte kurze Abfahrt und ich rolle fast an dem vorbei, was ich für Kamala halte. Also nochmal im fließenden Verkehr umdrehen und dann links rein Richtung Strand. Im Rollen verschaffe ich mir einen Überblick, fahre eine kleine Runde und steige vor einem Cafe ab. Ich ordere einen Eiskaffee und bekomme eine eiskalte Dose Nescafé. Das passt zu meinem ersten Eindruck von Kamala. Sehr viele Touristen, vor allem Deutsche, Schweden, Australier und Russen. Wobei letztere dieses Jahr für eine mittelschwere Touristenkrise in Thailand gesorgt haben. Durch den Kursverfall des Rubels sind viele Russen trotz bestehender Buchungen nicht gekommen. Sie hatten die Unterkünfte bezahlt aber kein "Bewegungsgeld" mehr für Bar- oder Restaurantbesuche. Ortsabhängig wird von 40% bis 70% weniger Urlaubern gesprochen. Die Thais nehmen das buddhistisch gelassen. Daß die Osteuropäer hier eine große Rolle spielen, erkenne ich unschwer an russischen Reklame-Schriftzügen.

 

Mir ist das vor zwei Jahren, bei meinem MTB-Alpencross im Ötztal, schon einmal aufgefallen. Genauer gesagt in Sölden. Damals hatte ich mit Befremden die mit kyrillischen Buchstaben beschrifteten Geschäfte, Hotels und Bergbahnen wahrgenommen. Am Abend, am Ende des Tals, in Vent, hatte mir die Barfrau des Prostkastls erklärt, dass man in Sölden Jahre zuvor beschlossen hatte, gezielt Marketingkampagnen in Russland durchzuführen, um die Russen nach Sölden zu locken. Mit Erfolg. Von Vent aus bin ich dann damals über die Martin-Busch-Hütte hoch zur Similaunhütte. Direkt an der Hütte hatte ich mich an einem der schwierigsten Trails in den Alpen versucht.

Nun aber sitze ich in einem ersten Teil von Kamala und suche das Twin Place. Während ich versuche, das Guesthouse zu lokalisieren, lade ich mein iPad (da ist der Reiseführer gespeichert) und mein iPhone, denn die GPS-App Runtastic frißt richtig Strom. Aber während des radelns motiviere ich mich in schwierigen Momenten immer mal wieder mit einem Blick in die App und am Ende des Tages seht ihr auf einen Blick was ich geschafft habe.

Eine Stunde später bezahle ich und gehe zu meinem Fahrrad. Und obwohl ich mir am Anfang meiner Reise vorgenommen habe, keinen Platten zu haben, ist es jetzt doch soweit. 20 m neben der offenen Bar ist ein ruhiges Plätzchen. Dort wechsel ich in aller Ruhe den Schlauch und starte danach wieder.

Im Zentrum von Kamala angekommen, versuche ich die Zimmerpreise zu eruieren. Schnell wird klar, unter 1.000 Baht die Nacht wird schwierig. Also suche ich weiter das Twin Place. Dort, keine 100 m vom Strand entfernt, mitten im Zentrum, soll es Zimmer für unglaubliche 500 Baht geben.

 

Dann passiert etwas, was ich in 2011 auf meiner Tour von Almaty (Kasachstan) nach Kashgar (China) in Yining schon mal erlebt habe. Damals wie heute, fährt plötzlich ein Motorroller neben mir und der Fahrer fragt mich, ob er mir helfen könne. Damals wie heute, bringt er mich dann, wie selbstverständlich, zu meinem Hotel. Die Suche erledigt sich von allein. Habt ihr so was schon mal in Deutschland erlebt? Also ich müßte da lange nachdenken... Der Fahrer war übrigens Franzose.

 

Das Glück bleibt mir hold. Ich bekomme ein zwar kleines, aber blitzsauberes Zimmer mit Ventilator im ersten Stock. Für 500 Baht.

 

Nun ist es an der Zeit, Micha über meine Ankunft zu informieren. Wir kennen uns auch schon seit mehr als 30 Jahren aus unserer Discothekenzeit in Stuttgart. Micha verbringt seinen Urlaub regelmässig in Kamala. Er hat meinen Trip von Stuttgart aus verfolgt und nach seiner Ankunft in Thailand immer mal wieder nachgefragt, ob ich von Bang Sak aus noch nach Phuket radeln würde. Tatsächlich war ich letzten Freitag Richtung Süden aufgebrochen, hatte es aber bis zuletzt offen gelassen, ob ich bis Kamala kommen würde.

 

Nun sitze ich vor meinem neu bezogenen Guesthouse und informiere ihn via Facebook, zwei Minuten später steht er vor mir. Er war gerade ein paar Häuser weiter in einer Tauchschule...

 

Der Tag hatte bereits um 6 Uhr für mich begonnen. Eine Stunde später sitze ich im Sattel. Zunächst bemerke ich im Zentrum von Thai Muaeng, daß Markt ist. Da ich bereits Hunger habe, kaufe ich mir für umgerechnet zwei Euro ein paar frittiete Hähnchenteile, eine Handvoll Reis und Röstzwiebeln. Auf der Treppe einer Bank sitzend,  genieße ich mein warmes Frühstück. Dann radel ich auf der Hauptstrasse gen Süden, nutze aber die erste Gelegenheit, Richtung Küste, auf Nebenstraßen weiterzufahren. Eine prima Entscheidung. Stille und faszinierende Natur empfangen mich. Ein Kokosfarmer bittet mich anzuhalten. Ein netter und lustiger Kerl. Wir unterhalten uns kurz, während seine Arbeiter im Hintergrund mit langen Stangen die Kokosnüsse von den Palmen holen.

Weiter geht es Richtung Nathai Beach. Ein paar hundert Meter hinter dem "The Coral" entdecke ich unweit der Straße ein ruhiges Plätzchen, das mir auf meinem Rückweg von Phuket als erster Zeltplatz dienen soll. Direkt am Traumstrand. Ein paar Meter nur von der Straße entfernt, aber von dort aus nicht einsehbar. Perfekt. Weitere brandneue Resorts entstehen hier in der Gegend gerade. Supermodern.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Während ich so an diesen Bettenburgen vorbei radel, bemerke ich einerseits die Faszination in mir und andererseits meine Abneigung. Rechts der Straße, direkt am Strand, die weißen, frisch getünchten Quader, inklusive Securityhäuschen und Wachpersonal, die den Gebäudekomplex vor unberechtigten Besuchern abschirmen.

Ein ganz anderes Bild auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Das Fischerdorf, das hier ursprünglich den Lebensmittelpunkt der Menschen dargestellt hatte. In dem Buch "Thailand fürs Handgepäck" wird in der Erzählung "Salmans kleine Welt" genau dieser Wandel hervorragend beschrieben.

Eine Geschichte, die zum nachdenken animiert.


Weitere Villen und Gebäudekomplexe folgen auf der rechten Seite. Unweigerlich kommt mir erneut folgendes Zitat in den Sinn.

 

"Eigentum ist immer eine Gefahr; es lockt Diebe an. Es macht erpressbar. Es will beschützt werden. Es macht krank, ambivalent, schizophren, weil man es verstecken MUSS und zeigen WILL."

Irgendwann ist auch die schönste Nebenstrecke zu Ende und ich muss wieder auf der Hauptstrasse auf dem Seitenstreifen radeln. Vor mir taucht die Auffahrt zu einer Brücke auf und ich muss schauen, daß ich sie nicht verpasse. Dann geht es leicht aufwärts und plötzlich sehe ich links und rechts unter der Brücke Wasser. Ich halte an und besinne mich. Dann wird mir klar: ich befinde mich bereits auf der Brücke zur Halbinsel Phuket. Der Verkehr ist gar nicht so schlimm wie angenommen, trotzdem will ich nochmal umdrehen. Keine gute Idee bei den Fahrzeugen, die von hinten angerast kommen. Nein, ich kann nicht mehr zurück, nicht jetzt, wo ich bereits auf der Brücke bin. "Schau es Dir doch an", denke ich, dann kann ich mir meine eigene Meinung bilden.

 

Im Coffee Talk, am Highway, mache ich Mittagspause und plane die restlichen 35 km hauptsächlich über Nebenstraßen. Anschließend radel ich durch herrlich ruhige Kautschukplantagen und stelle fest: Phuket ist doch schön.

 

Dann stehe ich vor einer Herausforderung. Ich muß sechs Fahrspuren queren um auf der gegenüberliegenden Highwayseite auf den Seitenstreifen zu kommen. Drei Spuren von rechts, drei von links. Rechts vor mir hält ein Motorroller mit einem westlich aussehenden Pärchen. Eine gefühlte Minute passiert nichts. Dann wird mir bewußt, daß wir gar keine Ampel vor uns haben. Initiative ist angesagt. Also fahre ich hinter dem Pärchen vorbei und balanciere leicht rechts vor ihnen um im richtigen Moment starten zu können. Und dann ist es auch schon soweit. Der von rechts, auf der äußersten Spur kommende Autofahrer biegt in unsere Straße ein, die beiden leicht versetzt fahrenden Autos, auf der mittleren und auf der Überholspur, schätze ich zunächst von der Geschwindigkeit her ein, dann starte ich.

Im spitzen Winkel nehme ich direkt Kurs auf sie, um dann sofort, nachdem sie an mir vorbei sind, links Richtung Highwaymitte Kurs zu nehmen.

Der Vorteil meiner Taktik: ich drehe den Spieß um und fahre auf die Autos zu. Das kapieren die erst Mal nicht, aber dann sind Sie alarmiert und aufmerksam. 

Mein Vorteil. ich habe den Feind nicht rechts neben mir, während ich nach vorne schaue, sondern Fahrt- und Blickrichtung sind gleich. In der Highwaymitte schenke ich nur der ersten Spur vor mir Aufmerksamkeit, denn ich will ja nur mitspielen. Dafür reicht mir die erste Spur und dort die Seite, hin zur Mittelleitplanke. Erst wenn ich dann richtig Geschwindigkeit aufgenommen habe, blicke ich nochmal zurück und nehme dann die restlichen zwei Fahrspuren direkt im rechten Winkel und damit mit der kürzesten Strecke.

 

Das Rollerpärchen steht immer noch. Ein paar Minuten später hupt es mehrmals hinter mir, aber ich schenke dem nicht viel Aufmerksamkeit. Sekunden später rast ein Roller an mir vorbei. Ich schaue ihm emotionslos nach, als der Fahrer sich plötzlich umdreht, den Kopf schüttelt und mit dem Finger an seine Schläfe deutet. Das Rollerpärchen!

 

Die Geste mit dem Finger deute ich so, daß er mir damit wohl zeigen wollte, daß ihm die geistigen Fähigkeiten fehlen, um die Geschwindigkeit des Verkehrs richtig einzuschätzen. Er hatte es damit ungleich schwerer mit Motor als ich mit Muskelkraft. Absolut nachvollziehbar. Echt unfair von mir. Deswegen kam er nicht vom Fleck. Der arme Kerl. Und wie hat er das seiner Beifahrerin wohl erklärt?

 

Den Abend nach meiner Ankunft verbringe ich mit lauter netten Bekannten und Freunden von Micha bei Pizza, Pasta und Knoblauchbrot.

 

Er selbst sponsort meinen Abend.

 

Danke dafür!

Am nächsten Abend treffe ich dann einen weiteren Bekannten.

Frei nach dem Motto: "Digitaler Nomade trifft Digitalen Radnomaden "​.

Im Oktober 2014, während der DNX - -Konferenz in Berlin, saßen wir im gleichen Workshop. Seit drei Monaten haben wir uns gegenseitig virtuell begleitet und das Tun des anderen kommentiert. Vorgestern meldete sich Pascal Wegner​ über Facebook bei mir, da er den Typ auf dem von mir geposteten Foto -  Michael Kopp​ - vom Scuba Quest Dive Center Kamala​...her kannte...Die Welt ist klein und im Zeitalter der Vernetzung ist fast alles möglich ':-)

Gestern haben wir uns dann mehr oder weniger zufällig getroffen. Natürlich vor dem Tauchshop...the place to be...

 

Der südlichste Punkt meiner Reise ist erreicht und der Zeitpunkt gekommen, umzudrehen.

Es geht wieder Richtung Norden.

Ab morgen.


Weitere 840 km liegen vor mir.

 

 

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Kommentare: 11
  • #1

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