Von West nach Ost über "Mörderrampen"

Am Vorabend meiner Abreise von Ko Phayam ist es noch recht spät geworden, da sich ein richtig netter Typ aus Münster zu mir an den Tisch setzte und wir uns gegenseitig viel zu erzählen hatten. Die Welt ist klein, wie jeder weiß, stellte sich doch während des Gesprächs raus, daß ich ihn schon in Myeik (Myanmar) aus dem Augenwinkel heraus wahrgenommen hatte. Er war dort mit zwei französichen Backpackern unterwegs. Die Drei hatten den Plan, wie in "The Beach", einen Fischer zu finden, der sie auf irgendeine einsame Insel bringen würde. Doch nicht in Myanmar. Einer der Franzosen war mir auf der Straße hinterher gerannt und hatte mich gefragt, ob ich dazu eine Idee hätte. Hatte ich nicht. Und nun erfahre ich im Nachhinein, daß das Trio das Thema auch sehr schnell zu den Akten gelegt hatte.

 

Kurz vor dem Pier treffe ich Fred aus Rosenheim wieder. Er war mit mir zusammen schon mit dem Schnellboot gekommen und reist jetzt mit mir zusammen ab. Wie wenn wir uns verabredet hätten. Wir tauschen uns über unsere Erfahrungen mit unseren Quartieren aus und es stellt sich raus, daß ich als "Gustav Gans" wohl wieder mal das Glück auf meiner Seite hatte. Gut, Fred hat nur 300 Baht (7,50 €) bezahlt und ich das Doppelte. Aber dafür hatte er wohl eine Rattenfamilie nebst Nachwuchs als Untermieter und ohrenbetäubendes Kindergeschrei im Nebenbungalow. Ich wünsche ihm mehr Glück auf Ko Chang. Das liegt auf der Rückfahrt nach Ranong. Kaum hat er das Boot verlassen, spricht mich ein Waliser mit seiner italienischen Frau an. Ich frage ihn sofort, wo genau er herkommt und er meint, das würde ich sowieso nicht kennen. Gut, kontere ich, im Stillen mit einer Vorahnung und erzähle ihm, daß wir bei der Fussball-EM 96 unser Quartier bei Harverfordwest gehabt hätten. Er lacht und sagt, das sei unglaublich, genau dort würden sie wohnen. Die Unterhaltung bleibt beim Fussball und es stellt sich noch heraus, daß wir Beide zu den ca. 80.000 Menschen gehört haben, die Augenzeugen des legendären Halbfinales England - Deutschland waren, das Andy Möller im Elfmeterschießen zu Gunsten unserer Nationalmannschaft damals entschied. Ein paar Tage später wurden unsere Nationalelf zum letzten Mal Europameister.

 

In Ranong ziehe ich erstmal ordentlich Kohle am ATM, damit ich nicht wieder in Geldnöte komme. Relaxt pedaliere ich los und finde auch die Landstraße in den Dschungel und die Berge. Der Highway muß ja nicht sein. Es geht gemächlich los und als ich "Ranong Canyon" lese, entscheide ich mich, die 5 km Umweg in Kauf zu nehmen. Es geht stetig hoch, ein paar kleine Rampen sind auch dabei, aber nichts im Verhältnis zu dem, was mich zum krönenden Tagesabschluß erwarten wird. Der Canyon ist letztendlich eine ehemalige Mine, die mit Wasser vollgelaufen ist.

 

Ein schönes, lauschiges Plätzchen. Ich setze mich, mache ein paar Fotos, aber die Sonne versteckt sich die meiste Zeit und ich habe noch gut 40 km vor mir.

Auf dem Weg zum Canyon und zurück beginnt dann etwas, daß mich stark an meine erste Radreise 2006 erinnert und das mich damals fast paranoid hat werden lassen. Angreifende Hunde!

 

In Myanmar waren viel mehr wilde Hunde, die hatten aber alle Angst.

 

In Thailand liegen sie überall auf dem Land bzw. im Dschungel und bewachen die Kautschukfarmen oder Einfamilienhäuser bzw. Höfe. Am Anfang schreie ich sie noch an, oder fahre auf sie zu, aber als die Kaliber größer werden und zu zweit oder zu dritt hinter mir herjagen und das mit gefletschten Zähnen, da bewaffne ich mich mit Steinen. Doch selbst wenn ich auf sie werfe, bleibt der eine oder andere hartnäckig. Oft bekomme ich die Steine auf dem Fahrrad sitzend auch gar nicht so schnell aus der Hosentasche. Heute habe ich mir überlegt, daß ich da noch irgendwie einen Steinebehälter an den Lenker basteln werde. Die Zeit verrinnt und wird knapp, denn das "Homestay", in dem ich hoffe unterzukommen, ist noch 25 km weg. Die Uhr zeigt bereits kurz vor 16 Uhr. Kann klappen, muß aber nicht. Kurz nach 17 Uhr, meine ich noch, es bis dorthin schaffen zu können. Für alle Fälle halt ich an und ziehe mich wieder um. Ihr wißt schon: Wanderschuhe, schwarzes Shirt, Moskitomütze, Stirnlampe. Kurz zuvor hatte ich die erste steile Rampe bewältigt. Hatte am Ende die relativ neue Hütte und die Veranda davor entdeckt. Ein idealer Platz zum kurz ausruhen und umziehen. Hinter der Hütte wäre auch Platz fürs Zelt. Von der Straße nicht einsehbar, ruhig, geschützt. Dahinter nur ein Steilhang mit Kautschukbäumen. Nee, ist mir irgendwie alles zu neu. Saubere Vorhängeschlösser an der Hütte. Frische Reifenspuren in der Einfahrt. Ich habe keinen Bock auf nächtlichen Besuch und Diskussionen. Eine Entscheidung, die ich noch mehrmals bereuen werde.

 

Zurück auf die Straße und direkt rein in die nächste Rampe. Ein paar Jungs, die mit Ihrer Arbeit im Dschungel fertig sind, sitzen am Straßenrand und warten darauf, von einem Pickup nach Hause gebracht zu werden. Als sie mich kommen sehen, grinsen sie mitleidig. Ich fahre bereits Serpentinen in die Straße, so ziemlich das letzte Hilfsmittel, wenn es zu steil wird.

 

Das hilft aber nur kurzzeitig. Denn die Kurven sind so sacksteil, daß ich die Gegenfahrbahn mit in meine Serpentiniengestaltung mit einbeziehen muß. Ich schwitze wie ein Schwein und der ganze Dschungel stinkt wie ein Schweinestall. Warum es da so riecht? Keine Ahnung.

 

Nach zehn Minuten reisse ich mir die Mütze von der Rübe. Nun kann der Schweiß endlich ungebremst, Sturzbachartig Richtung T-Shirt und Hose fließen. Ich bin am ganzen Körper tropfnass. Aber mein Dampfkesselkopf kann jetzt wenigstens nicht mehr in die Luft fliegen. Ich kämpfe wie ein Löwe, habe aber mal wieder nur ein Sandwich und ein paar Oreo´s über den Tag gegessen und Körner fehlen mir jetzt definitiv. Nach den ersten Kurven hoffe ich noch auf ein ebenes Stück oder gar eine finale Abfahrt. Doch dann wird mir klar, daß diese Rampe erst am Gipfel ein Ende nimmt. Und der ist nicht in Sicht. Links Felswände oder Dschungel. Rechts Leitplanken und steil abfallender Dschungel. Ich schaue nach den kleinsten, ebenen Stelle hinter der Leitplanke. Könnte man da ein Zelt aufstellen? Ich bin so was von am Ende. Ein Pickup mit den drei Jungs fährt vorbei. Wenn jetzt einer aus Mitleid anhält, dann fahre ich mit dem bis ans Ende der Welt. Macht aber keiner. Irgendwann halte ich an, wenn von hinten ein Auto kommt. Ich habe die Kraft nicht mehr um mein Bike unter Kontrolle zu halten, wenn ich jetzt auch noch abrupt wenden soll, Richtung andere Straßenseite. Danach fahre ich wieder an. Nutze die ganze Straßenbreite. Höre ob von oben oder unten einer kommt. Dann endlich wird Himmel sichtbar über den obersten Baumwipfeln. Da oben muß der Scheitelpunkt sein. Und richtig. Die Straße wird eben. Links ein großer Platz am Rande des Dschungels. Vergiss es. Ein Hof. Kurz überlege ich zu dort zu fragen ob ich mein Zelt aufstellen darf. Nein. Da vorne. Noch eine Rampe. Das muß die letzte sein. Vorsichtig fahre ich sie ganz außen an. Spähe, bete, hoffe. Mir kommt plötzlich in den Sinn: "oben sind oft die besten Schlafplätze". Und dann bin ich tatsächlich oben. Ein Schild. "Homestay - 10 km". Ja, wenn es nur noch bergab ginge. Aber wer gibt mir die Garantie. Links geht ein Feldweg rein. Da oben, das zweite Plateau. Perfekt. Ich habe es geschafft und bin fertig wie ein Schnitzel. Zuerst trinke ich eine meiner beiden Wasserflaschen halbleer. Das war meine Motivation. Hemmungslos kaltes Wasser trinken. Stop. Ich muss mich auch noch davon waschen. Und nach dem Zeltaufbau möchte ich nochmals kaltes Wasser in mich hinein schütten. Und heute nacht, wenn ich aufwache. Und morgen früh. Ich diszipliniere mich.

 

Ich bin so platt, daß ich eine gefühlte Stunde nicht einschlafen kann. Meine Knie nicht aufeinander legen kann. Der Abendhimmel ist blutrot. Keine Moskitos. Ich bin zu hoch. Ab und zu kommt noch ein Pickup und seine Scheinwerfer streifen mein Zelt. Doch die sehen mich nicht auf meiner Anhöhe. Die schauen hoffentlich auf die Straße. Jeder hupt zwei Mal, bevor er die nächste Rampe runterschießt.


Mehrmals wache ich auf, weil es mir noch lange schlecht ist. Mein verstorbener Vater läßt sich irgendwann von außen aufs Zelt fallen und flüstert "Diiirk".


Der Sternenhimmel ist glasklar und gigantisch viele Sterne stehen am Firnament. Gegen Morgen tropft es überall. Die Luftfeuchtigkeit schafft eine gespenstische Atmosphäre. Als ich meine Zelt abgebaut habe, fahre ich in dieses unwirkliche Dschungelszenario, das die Sonne noch nicht durchdringen kann und ich so liebe.


Doch die Abfahrt ist nur von kurzer Dauer. Dann wartet schon wieder die erste Rampe. Alles richtig gemacht. Im nächsten Dorf sehe ich kein "Homestay".


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Kommentare: 2
  • #1

    Simone Paar (Donnerstag, 22 Januar 2015 20:38)

    Hast Du eigentlich schon mal darüber nachgedacht ein Buch über Deine Reisenund Erlebnisse zu schreiben. Es list sich super spannend. Wünsche Dir noch viel Kraft für die nächsten Rampen und genieße jeden schönen Augenblick.

  • #2

    Dirk Blume (Dienstag, 24 Februar 2015 05:15)

    Ja, Simone...aber das ist eine Menge Arbeit und am Ende rechnet es sich nicht...genauso wie Reisevorträge...außerdem schreibt man dann am besten, wenn es draußen nicht so toll ist...also ab November, da beginnt auch die Vortrags-Saison. Und genau in der Zeit will ich die nächsten Jahre irgendwo auf der Welt radelnderweise überwintern...

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