Wie weit werde ich radeln dürfen?

"Auf der Strecke zwischen Ye und Dawei wurde vor drei Wochen ein Touristenbus gehijackt. Als zufällig Polizisten vorbeikamen, haben die Hijacker eine Buspanne vorgetäuscht und die zur Hilfe eilenden Polizisten erschossen". Das erzählt mir Christoph und Jerome zu Weihnachten in Rangun. Sie waren von dort gekommen, wo ich jetzt hinwill. In den Süden. Genauer gesagt an die südlichste Spitze von Myanmar. Nach Kawthoung. Oder Victoria Point, wie es die Engländer genannt hatten.

 

Doch als ich heute hier in Mawlamyine (Moulmein) nach 70 km und gut 5 Stunden ankomme, ruft die Hotelchefin sofort die Behörden an und die geben grünes Licht. Vorausgesetzt ich habe sie richtig verstanden. Sie bestätigt mir zwar den Überfall, meint aber, man habe es damals auf reiche Touris abgesehen. Naja, davon kann ja bei mir nicht die Rede sein. Vielleicht reich an Erfahrung...

 


Kurz nach 7 Uhr heute morgen steht mein Rad fertig gepackt vor dem Guesthouse - der nächste hochinteressante Abschnitt wartet auf mich. Schon kurz nach der Gabelung Hpa-an / Mawlamyine wird der Verkehr merklich weniger und ich kann mein, kurz zuvor bei einer Straßenverkäuferin für 60 Cent erworbenes, Frühstück während der Fahrt geniessen. Es gibt Chapati und Fettgebackenes.


Nicht ohne selbstkritisch zu denken: "Frühstück to go" in Myanmar? Habe selbst ich Kritiker mich dabei erwischt, mich nicht kurz irgendwo hinzusetzen und in Ruhe den Tag zu beginnen? Wir können unsere Gewohnheiten halt doch sehr schwer ablegen. Aber ich arbeite daran.


 

Zuerst geht es noch geradeaus, doch bald biegt die Straße nach links und quert die Eisenbahnschienen, auf denen ich gestern weitergefahren wäre, hätte ich den Zug nicht in Thaton verlassen. Lange fahre ich im Schatten einer Hügelkette und die Straße windet sich weiterhin, sehr zu meiner Freude. Eine Ansiedlung reiht sich locker an die Nächste, hübsche Häuser und sehr nette, lächelnde, freundliche Menschen begegnen mir an diesem Morgen.

 


Wie schon am Tag meiner Einreise bin ich der "Engländer". Ungläubige Blicke, erwartungsvolles Lächeln oder einfach nur Staunen. Das sind die Reaktionen, mit denen ich begüßt werde. "Hey you" ruft das eine oder andere Schulkind und wenn ich dann zurückrufe, freuen die Kleinen sich echt ein Loch in den Bauch. Es ist manchmal so einfach Jemanden eine Freude zu machen.


Dieses Land und seine Menschen, die Stimmung am Morgen, wenn das Land in sein einzigartiges, fast öliges Olivgrün getaucht ist, ist unbeschreiblich. Wie schon mehrmals zuvor auf meinen Reisen, habe ich auch hier wieder das Gefühl, dass die Ärmsten mir oft am meisten zu geben haben. Balsam für mein Herz und meine Seele. Das ist einer der Gründe, warum ich so gerne mit dem Rad unterwegs bin und mich nie einsam fühle oder Heimweh habe.


Heute, nach zwei Wochen Myanmar habe ich das erste Mal ein Kind für eine Minute quengeln hören. Hier kümmert sich jeder um die Kinder. Die eigenen Eltern, die Geschwister, die Nachbarn. Die Kleinen werden auf den Arm genommen, geliebkost, geküsst. Und nie erhebt Einer die Stimme. Und man singt. Jeder singt. Bei der Arbeit. Ob Polizist, Lokalbesitzer, Bauarbeiter oder Grafikdesigner. Das ganze Land singt. Und es ist meine Musik. Liebeslieder, Rythm and Blues Melodien, Lieder mit Herz. Ganz selten mal etwas Aggressives, was Lautes.


Und das macht mich so glücklich. Oft versuche ich mitzusingen, weil ich es einfach herrlich finde, daß sich hier Keiner dafür geniert.


Heute abend habe ich wahrscheinlich die letzten Touris gesehen. Weiter in den Süden führen die Touren nicht. Vielleicht begegne ich in den nächsten Tagen noch ein paar Backpackern.


Wir sollten uns schon mal überlegen, wie wir solche Länder bereisen. Ich habe auch hier schon die ersten Bettenburgen und Wohlstandshotelpaläste entdeckt. Vom Flughafen zum Hotel. Vom Hotel in den Tourenbus. Aus dem Bus in ein Lokal. Und immer unter sich bleiben.


Mit dem Lonely Planet in der Hand wird eine Sehenswürdigkeit nach der Anderen abgehakt. Alles ist durchgetaktet und durchgeplant - wie daheim der Büroalltag.


Riesentrolleys mit Abendgarderobe. Traveller-Lokale, wo man sicht trifft. Mainstream - wie immer und überall. Dieses Land wird von westlichen Investoren und Tourihorden überrollt werden. Wie viele Andere davor auch.


Man muß sich mal vorstellen, daß der Durchschnitts-Burmese 900 € Einkommen im Jahr hat. Gegenüber meiner Lieblings-Eck-Kneipe in Rangun habe ich am ersten Abend folgendes Plakat entdeckt:


 

Noch besser: Mercedes-Benz!

 

Sinngemäß stand da doch auf dem Plakat: "Das neueste Topmodell wird enthüllt. Kommen Sie in unserer Niederlassung in Rangun vorbei und nehmen Sie gleich ein Exemplar mit. Nur 88.899 $!!!!!

Der Durchschnitts-Burmese muß also lediglich 100 Jahre dafür arbeiten...

 

Dekadenter geht´s dann ja wohl nicht mehr. Fettes Lob nach Stuttgart in die Marktingabteilung. Zielgruppendefinition ist alles. Mann, Mann, Mann,...

Und dann wundern wir uns, wenn wir in der Welt so als westliche Kapitalisten geliebt werden? Merken wir eigentlich noch was? Empathie? Können wir uns nicht leisten. Na denn...

 

So. Das mußte mal raus. Ist ja schließlich mein Blog. Mein Leben. Mein Empfinden. Ja, ich komme mir oft vor, wie wenn mich "meine richtigen Leute" von dem anderen Stern hier einfach abgesetzt hätten und ich hege allergrößte Befürchtungen, daß die mich hier vergessen haben.

 

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt und deswegen versuche ich mich unserer doch recht seltsamen westlichen Welt und Denkweise mehr und mehr zu entziehen und mein Leben dort zu verbringen, wo mir mein Herz, meine Seele und mein Verstand sagt: "hier ist der richtige Platz für Dich". und "dieses einfache, ruhige Leben - das ist es, was Du willst und was Dir gut tut."

 

Zum Schluß noch ein Schmankerl für meine liebe Ma.

Die beste Schneiderin, die ich kenne :-)

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Chestman (Samstag, 03 Januar 2015 13:19)

    Servus Blümchen, Deine Geschichten sind wirklich interessant und es freut mich, dass Du Deinen Weg gefunden hast.

    Schöne Grüße

    Chestman

  • #2

    Paty (Dienstag, 06 Januar 2015 21:53)

    Weiter so .... Lass es dir gut gehen

  • #3

    Dirk Blume (Donnerstag, 08 Januar 2015 05:46)

    @Chestman: Danke und Grüße nach Wien :-)
    @Paty: Danke, die Hemden kannst glaube ich wegwerfen, die werde ich nicht mehr brauchen, habe ich beschlossen, sofern es Geschäftshemden sind...;-)

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