Was für ein Ritt !!!

Irgendwie muß ich heute morgen geahnt haben, daß ich die fünf Cowboys heute noch brauchen werde.

 

Vorneweg: ich sitze auf meinem Bett und habe das zweite Mal in meinem Bikerleben Krämpfe. Das war heute ganz großes Mentaltraining. Das Stichwort des Tages hieß GEDULD. Und ja, ich habe es geschafft nicht wütend zu werden, sondern habe mich bis zuletzt darin geübt: GEDULD. Gepaart mit buddhistischen Mantras. Stundenlang. 

 

Doch der Reihe nach: habe das Licht gegen 22 Uhr 30 geöscht nachdem ´Pool das dritte Tor von ManU hinnehmen hat müssen. Das Spiel lief direkt vor meiner Bude im TV. Aber als ich das gemerkt habe, stand´s schon 0-2. Muß man dann nicht kucken, noch dazu, weil der Verdacht nahe liegt, daß die Mehrheit der Thais für den falschen Verein ist. Jedenfalls habe ich auf meiner Fahrt von Bangkok hoch in den Norden wenig Thais in einem Trikot mit einem Liverbird drauf gesehen. Klarer Spitzenreiter: Chelsky. Wie bei uns: Erfolg und Geld und die Kids fahren drauf ab. Tradition? Ist was für alte Säcke, wie mich. Kann ich mit leben. Deswegen radel ich auch durch die Welt und lerne sie wirklich kennen. Nicht nur auf Google Earth. Für mich ist das die Gnade der frühen Geburt.

 

Gute acht Stunden später. Da ist sie wieder, die Selbsterkenntnis: Ich bin ein Morgenmuffel. Hatte ein Zimmer ziemlich nah an der Rezeption und deswegen hörte ich bereits das Gequatsche der Thaimädels, als ich mich wahrscheinlich noch in der letzten REM-Phase befand. Was ein Alptraum. Blablablablabla, blablablablablablabla. Soviel kann doch nachts gar nicht passiert sein. Nix wie weg. In die Berge. Dorthin wo Ruhe ist. Ein Kaffee im stehen. Halb leer getrunken. Ab dafür.

 


Am Abzweig nach Mae Sot kaufe ich wie die letzten Tage eigentlich immer, einen Malai-Kranz und hänge ihn ans Rad. Herrlich zu sehen, wie sehr sich die junge Thai über die 20 Baht (50 Cent) freut. So fängt der Tag gut an. Jetzt bin ich auch wach. Ich freue mich auf das was da kommt, ahne noch nicht was der Tag bringen wird. Es beginnt sehr moderat und als ich in der ersten Ansiedlung an einem Haus schon fast vorbei bin, strahlt mich im Vorbeifahren eine Thai-Omi dermaßen herzergreifend an, daß ich gar nicht anders kann, als umzudrehen. Sie verkauft mir vier Limetten und einen Bund dieser kleinen, süßen, superleckeren Bananen.



Gerade habe ich die letzten Beiden beim schreiben gegessen. Mehr war heute nicht. Und genau das war auch vor sechs Jahren schon mein Problem. Ich meine ohne Essen besser starten zu können und esse dann irgendwie den ganzen Tag fast nix mehr. Gut für die Plautze, schlecht für die Langzeitleistung.


Dann wird´s steil. Richtig steil. Kleinster Gang. Wow! Mächtig anstrengend und wenn man zurückschaut noch steiler. Die schwerbeladenen LKWs fahren im ersten Gang und sind ungefähr doppelt so schnell wie ich. Also mehr wie 10 km/h fahren die nicht. Die Kurven sehen aus wie Steilkurven. Ich kämpfe. Ich trete. Ich schwitze. Ich spreche meine Mantras. Früher habe ich gezählt. Schnell merke ich, daß das hier das Szenario ist, das mir nicht gefällt. Sausteile Rampen, kurze Abfahrten und die nächste Rampe. Lieber vier Stunden am Stück bergauf und dann eine fette Abfahrt. Ich gewinne schon richtig an Höhe, das sehe ich, wenn ich zurück in die Landschaft schaue.



Und dann passiert es. Erst ein seltsames Geräusch unter mir und dann trete ich ins Leere. Sofort geht der Blick nach unten und gibt erst mal Entwarnung. Die Kette ist nicht gerissen. Aber sie ist vom Getrieberitzel gerutscht. Wieder so eine Nachlässigkeit von mir. Ich habe schon vor Tagen gesehen, daß sie zu sehr durchhängt, aber den Inbus habe ich dämlicherweise nicht mitgenommen. Gewicht sparen. Tolle Idee. Erstaunlicherweise bekomme ich sie relativ schnell wieder aufs Ritzel. Obwohl ich ja eher der Grobmotoriker bin...


So nach zwei Stunden bin ich am Taksim Nationalpark und kurz danach kommt der Doi Muser Pass, wo Bergbewohner Obst, Kaffee, Gemüse etc. verkaufen. Ich kaufe eine Flasche eiskaltes Wasser und genieße sie im Schatten. Als ich am Stand hinter mir etwas Interessantes entdecke, vermute ich so etwas wie Fladenbrot und kaufe es. War recht teuer mit 100 Baht. Hat aber interessant geschmeckt. Was es war? Keine Ahnung. Irgendwas gepresstes.




Nach einer halben Stunde sattel ich das Pferd und reite weiter. Es geht noch ein Stück hoch und dann scheint eine längere Abfahrt zu kommen. Doch schon nach wenigen huntert Metern Abfahrt kommt rechts ein Aussichtspunkt und von unten ein anderer Reiseradler. Den darf ich nicht verpassen. Ich rase auf den Parkplatz. Und bald sind wir zu Dritt. Eric und seine Frau Louise aus WHISTLER (!) - Canada.

Für alle die es nicht wissen: Whistler ist das Mekka des Mountainbikens. Die Beiden sind vor vier Wochen in Yangon gelandet und haben seitdem Myanmar mit dem Rad bereist. Ich frage Ihnen mehrere Löcher in ihre Bäuche.


 

Sie erzählen mir auch, daß nach der Abfahrt noch ein Anstieg vor Mae Sot kommt. Er soll etwas geringer sein, als der, den sie gerade bewältigt haben. Irgendwie verstehe ich das falsch oder gar nicht. Jedenfalls entscheide ich mich nicht nach weiteren 20 km in einem netten Resort den Tag zu beenden, sondern bis Mae Sot durchzuziehen.

 

Stunden später, nach unzähligen Anstiegen und Gegenanstiegen, kleineren und größeren Abfahrten, komme ich auf dem Zahnfleisch daher. Das Wasser geht zur Neige, die letzten Bananen werden auf zwei Mal rationiert. Ich bin am Ende, aber das Ende ist nicht in Sicht. Das hängt unmittelbar zusammen. Da bin ich mir sicher.


Immer wieder quäle ich mich noch so eine Mörderrampe hoch.

Nein, nicht rumschreien. Das ändert nichts. Selbst gewähltes Schicksal.

Nein, die haben die Straße nicht extra wegen mir gebaut um mich zu ärgern.

Ja, ich weiß, hinter der nächsten Biegung gehts wieder hoch. Das sehe ich doch schon daran, wie der Pickup angeschossen kommt. Der kann nur von oben kommen. Nein, es geht nicht runter.

Dirk, wer sagt denn, daß Mae Sot unten liegt? Nach einer Abfahrt? Vielleicht liegt es auch oben? So als Krönung.


Ich verzweifle schier. Kopfkino vom Feinsten. Habe keine Kraft mehr. Setze mich wieder auf das Handtuchbreite Stück neben der Fahrbahn. Hole die Karte raus. Da vorne ist ein Schild mit einem Schrein drauf. Nach fünf Minuten gehe ich es wieder an. Bis zum Schild. Ein Schrein. Eine riesige Buddhastatue. Menschen in Uniformen. Jeder, der vorbei fährt hupt. Kann ich jetzt prima gebrauchen. Fast so albern wie daheim bei Hochzeiten. Grrrr.

 

 

Ich rolle auf den Parkplatz. "You are strong!". Mit letzter Kraft versuche ich zu dementieren. Vergiss es. Kapieren die eh nicht.

 

Eine eiskalte Coke. Hinsetzen. Beine ausstrecken. Das linke Knie schmerzt dezent. Ich frage eine Thai wie weit es noch bis Mae Sot ist. 20 Km. Nee, das kann ja nicht sein. 10 - okay. Aber 20? Okay, dann machen wir es, wie mit den Gutachten in Deutschland. Weiterfragen, bis ich eine bessere Antwort bekomme. Der Zweite bestätigt die 20 km. Okay. Ohne mich. ICH HABE KEINE KRAFT MEHR.

 

"Wie verläuft die Strecke?". Die Antwort läßt anscheinend keine Zweifel. Rauf und runter. Nein, das geht schon mal ÜBERHAUPT nicht. Ich quatsche den ersten Pickup-Fahrer an. Zuerst kapiert er nicht was ich will, dann ist sein Ford anscheinend zu beladen.

 

Ich ergebe mich meinem weiteren Schicksal. Ich werde es nicht vor Einbruch der Dämmerung schaffen, woraufhin ich Frl. Anopheles bereits heute zum Opfer fallen werde. Wer hätte das gedacht. Myanmar sehen und sterben. Nee, wie dämlich.

 

Ich schaue zur Straße. Die geht nach dem Parkplatz noch gut 100 m hoch und dann lockt schon wieder so eine "Scheinabfahrt", die wahrscheinlich nach 500 m wieder in eine Aufwärtsrampe mündet. BITTE NICHT!

 

Zurück auf die Straße. Kleinster Gang. Treten, was sonst. Scheitelpunkt. Die erste positive Überraschung. Es sind nur noch 17 Km. Ich rolle über den Scheitelpunkt. Ich werde schneller. Und schneller. Und noch schneller. Ich sehe die Straße vor mir. Dann fällt sie ins Uferlose ab. Es geht runter. Immer weiter. Es wird wärmer und wärmer. Da, der erste kleine Gegenanstieg! Aber ich bin zu schnell und wenn nicht, nehme ich den schwersten Gang und pedaliere wie bekloppt, um schnell zu bleiben. Es wird eine unfassbare Abfahrt über 14 km, die ich in knapp 25 Minuten hinter mich bringe. Ich bin schon fast in Mae Sot, als ich mich so verfahre, daß ich mich wieder von der Stadt wegbewege. Doch ich merke es gerade noch rechtzeitig. Ein Junge zeigt mir mit seinem Fahrrad eine Abkürzung. Ich vertraue ihm blind. Und alles geht gut. Die beiden Canadier haben mir eine Guesthouse empfohlen, das zwar etwas teurer ist, aber einem guten Zweck dient. Da will ich hin. Und mit Hilfe von vier Amerikanern und einem Iren lande ich dort kurz vor 18 Uhr. Die ersten Moskitos begrüssen mich bereits entspannt umherschwirrend und zwei gelingt es auch, sich Zutritt zu meinen Räumlichkeiten zu verschaffen.

 

Nun bin ich hier, in einem ganz tollen Guesthouse und am Ende. Sowohl mit meinem Bericht, als auch körperlich. Aber das ist irgendwo auch immer wieder der Reiz an der Sache.

 

"Die Menschen behaupten, wir suchten nach dem Sinn des Lebens. Doch darum geht es meines Wissens nicht. Wonach wir in Wirklichkeit suchen, ist die Erfahrung, am Leben zu sein, so dass unsere körperlichen Erlebnisse einen innere Resonanz auslösen. So können wir das Gefühl bekommen, wirklich zu leben."

(Joseph Campbell, Die Kraft der Mythen)




NACHTRAG: Gerade habe ich entdeckt in welchem "Room" ich gelandet bin. Das Leben ist einfach herrlich: "The writer´s room"

 

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Kommentare: 4
  • #1

    holle (Montag, 15 Dezember 2014 16:10)

    Blümchen hau rein. Und net unterkriegen lassen.
    Grüße aus stuggi
    holle

  • #2

    Stefan (Dienstag, 16 Dezember 2014 19:22)

    Hi Dirk,
    leg Fett was für ne tour.....,
    Grüßle ausem Scharnh.- Park

    S. =)

  • #3

    Dirk Blume (Dienstag, 24 Februar 2015 04:56)

    DANKE für die Motivationsspritze, Holle!

  • #4

    Dirk Blume (Dienstag, 24 Februar 2015 04:57)

    JA, Mate...wenn ich das so nochmal lese, war das der härteste Tag bislang...

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