Mit dem Bike zum Mount Everest - Angriff der Kangals

 

7. Mai 2008

 

Gegen Abend biege ich ungefähr fünfzehn Kilometer vor Dinar in einen kleinen Feldweg ein und finde ausreichend Platz um mein Zelt unweit eines wunderschönen, einsamen Baumes aufzustellen. Ganz in meiner Nähe grasen Kühe, in der Ferne bellen Hunde.

 

Während dem Zeltaufbau geht die Sonne unter und es wird sofort sehr kalt. So kalt, dass ich wegen meiner kalten Finger nicht mehr weitermachen kann.

 

Zeit etwas auszuprobieren, daß ich, glaube ich, in einem Bergsteigerbuch gelesen habe und das sich auch Obdachlose zunutze machen.

 

"Du musst die Arme an den Körper legen. Halt deine Nieren warm. Musst auf dem Rücken liegen. Leg die Hände auf deinen Bauch, leg sie übereinander."

 

Also lege ich meine Hände auf meinen "Ex-Bauch" und spüre schon nach kurzer Zeit wie die Wärme in meine kalten, oberen Extremitäten strömt. Unglaublich!

 

Unser Körper funktioniert wie eine Thermoskanne: Wenn es kalt ist, wird der Körperkern warmgehalten. Ich nutze es bis heute, wenn ich auf Tour bin und meine Finger vor dem Einschlafen aufwärmen will.

 

 

 

Früh am nächsten Morgen werde ich wach, baue mein Zelt ab und pedaliere Richtung Straße. Dann passiert etwas, daß ich ebenfalls nie vergessen werde: eine Melodie erwacht in meinem Inneren. Ich bin so glücklich und voller Tatendrang, daß ich anfange laut zu singen...

 

 

Einige Zeit später verspüre ich ein großes menschliches Bedürfnis und bin heilfroh, als ich ein Restaurant entdecke.

 

Ich habe keine Zeit zu verlieren und schenke dem Restaurantbesitzer und seinem Sohn daher auch nur kurz meine Aufmerksamkeit bevor ich schnell im Toilettentrakt verschwinde.

 

Nun muß ich mich einer meiner größten Zweifel stellen. Einem Stehklo. Ich mag diese unbequemen Notdurftverrichtungsstellen nicht. Aber ich habe keine Wahl. Zu groß ist der Druck, der sich in mir aufgebaut hat.

 

 

Nach erfolgreicher Premiere steige ich erleichtert auf mein Bike und radle weiter. Bereits nach wenigen hundert Meter bemerke ich, daß ich meine Oakley-Sonnenbrille ja gar nicht auf der Nase trage. Sofort stoppe ich mein Rad. Halte an und überlege. Ja klar!

 

Beim Absteigen vom Rad hatte ich die Brille auf meine große gelbe Packtasche gelegt bevor ich Richtung Toiletten gestürmt war!

 

Also nichts wie zurück. Am Restaurant wieder angekommen, empfangen mich der Besitzer und sein Sohn mit fragendem Blick. Mit Hände und Füßen versuche ich ihnen den Verlust meiner Sonnenbrille zu vermitteln. Doch sie schütteln nur die Köpfe. Die Brille ist weg und ich bin mir sicher, der Sohn hat sie geklaut. Allein, ich kann es nicht beweisen und auch nicht auf türkisch zum Ausdruck bringen.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als wütend abzuziehen.

 

Doch es ist nicht der einzige Verlust an diesem Tag. Mein Stahlseil zum sichern meines Reiserades vermisse ich ebenfalls am Ende des Tages.

 

 

Obwohl ich mich entschlossen habe, mir in der nächsten großen Stadt, Sandikli, ein Zimmer zu nehmen,  beginne ich routinemäßig die Landschaft rechts und links nach einem günstigen Zeltplatz abzusuchen. Meine Augen folgen einem steil ansteigenden Feldweg rechts von mir, der in einen Grashang übergeht.

Doch was sind das für seltsam große, hellbraune Flecken auf der Wiese da oben?

Fast im selben Moment als ich mir diese Frage stelle, kommt Bewegung in den Hang.

Das sind keine Flecken!? Das sind Kangals!

Einer nach dem anderen steht auf und setzt sich in Bewegung. Sie haben mich entdeckt und kommen auf mich zu. Ich fange an zu zählen und breche bei Sieben ab.

 

Ich darf jetzt keine Zeit verlieren, denn ich bin auf einer zweispurigen Autobahn auf dem Seitenstreifen unterwegs und der erste Kangal wird gleich den angrenzenden Straßengraben erreichen, der ihn hoffentlich daran hindert sich mir weiter zu nähern.

 

Ein flüchtiger Blick über meine linke Schulter, ein Schlenker nach links. Der Abstand zwischen mir und meinen vierbeinigen Freunden ist wieder größer geworden. Doch dann der Schock!

 

Der erste Kangal hat mit Leichtigkeit den Straßengraben überwunden und steht jetzt direkt auf dem Seitenstreifen. Wie paralysiert starre ich ihn an. Ich werde ihn gleich erreichen. Auf gleicher Höhe sein.

 

Doch er bewegt sich nicht. Starrt mich nur an. Die anderen Kangals halten ebenfalls inne. Ich passiere den großen anatolischen Hirtenhund und zu meiner Verwunderung und Erleichterung starrt er mich nur weiter an.

 

Was für eine Glück. Das war richtig furchteinflößend.

 

Noch ahne ich nicht, daß das nur der Anfang von wochenlanger Angst vor Kangalangriffen sein wird.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

KONTAKT:

 

MTB FAHRTECHNIK SCHULE

STUTTGART / Schurwald

Rotenbergweg 1

73760 Ostfildern

 

Mobil: 

+176 6612 0663

dirk_blume@mtb-schule-schurwald.de