Im IDC Gefängnis in Bangkok - die ganze Geschichte - Teil 1

Vor mehr als dreieinhalb Jahren - während meines ersten mehrmonatigen Aufenthalts als radelnder Teilzeitnomade in Südostasien - geriet ich in einen Strudel von dramatische Ereignissen, die zu den dunkelsten Stunden meines bisherigen Lebens zählten. Immer wenn ich dachte, es könnte nicht schlimmer kommen, entwickelte sich eine Eigendynamik, die mich daran zweifeln ließen, jemals wieder frei zu kommen. Mehrmals habe ich versucht, über all die unvorstellbaren Dinge zu schreiben, die mir in dieser Zeit widerfahren sind. Ich habe es bis heute nicht geschafft. Ich brauchte einerseits Zeit, um die Geschehnisse zu verarbeiten und andererseits fehlte noch ein Puzzleteil, von dem ich gar nicht wußte, daß es überhaupt existierte. Alles braucht seine Zeit und so erfuhr ich erst dieses Jahr im Februar, auf Don Det, einer der 4.000 Islands im Süden von Laos, den wahren Grund für vierzehn Tage Hölle auf Erden im März 2015.

 

 

Heute nun bin ich bereit, die ganze Geschichte schriftlich zu dokumentieren, eine Geschichte, die ich bisher nur immer wieder verbal erzählt, aber nie zu Ende geschrieben habe. Eine Geschichte, die zum Teil so unglaublich klingt, dass es die ganze interessierte Welt erfahren muss.

 

Eine Geschichte über "Illegale", Flüchtlinge, die Weltgemeinschaft und mich. Es ist die Geschichte über uns, unsere Welt in der wir leben, und über unsere Werte. Es ist die Geschichte über das, was uns wichtig ist und über die Dinge die uns wichtig sein sollten. Denn letztendlich betrifft es jeden von uns.

 

 

Am 1. Dezember 2014 flog ich zum ersten Mal nach Thailand. Zusammen mit meinem Velotraum Reiserad und drei Packtaschen. Sechs Wochen verbrachte ich damit mir Bangkok anzuschauen, durch Thailand und Myanmar zu radeln und einfach das Leben als Radnomade auszuprobieren, bevor ich wieder mit einem Boot von Kawthaung (Myanmar) nach Ranong (Thailand) übersetzte.

 

 

Die folgenden acht Wochen radelte ich durch den Süden Thailands und genoss mein "neues" Leben. Der Test hatte funktioniert. Der Plan für die nächsten Jahre stand fest. Sechs Monate irgendwo auf der Welt mir Rad und Zelt unterwegs sein, sechs Monate Deutschland um Geld zu verdienen.

 

Dann kam der Tag meiner vermeintlichen Abreise...

 

11. März 2015

 

Beim Check-in am Flughafen in Bangkok wird festgestellt, dass ich keinen Einreisestempel in meinem Pass habe. Mitte Januar war ich von Myanmar nach Thailand per Boot eingereist. Bei der Ankunft in Ranong (Thailand) hatten uns die burmesischen Bootsführer suggeriert, sie hätten unsere Pässe stempeln lassen. Doch dem war nicht so.
 
Im Nachhinein betrachtet, wundere ich mich noch heute, dass ich nicht sofort am Flughafen verhaftet wurde. Anfangs dachte ich noch, die Mitarbeiter der Fluggesellschaft von meiner unglücklichen Geschichte überzeugen zu können. Doch dann wurde mir schnell klar: Ich werde nicht in diesen Flieger steigen. Auf meine Frage hin, was ich tun solle, bekam ich die Antwort: "fahr wieder nach Ranong und versuche Dir den Einreisestempel nachträglich zu holen".
 
Nochmal 600 km gen Süden? Und das als "Illegaler"? Unvorstellbar. Fieberhaft überlege ich, was zu tun ist. Verlange einen Verantwortlichen der Immigrationsbehörde zu sprechen. Der Angestellte der Fluggesellschaft nimmt meinen Pass und verschwindet durch eine Glastüre. Nach 10 Minuten fange ich an aufzuwachen. Was, wenn der jetzt auch nicht zurück kommt? Wo ist der hin? Die Glastüre öffnet sich wieder. Dahinter sehe ich weitere Türen und Rolltreppen. Der kann mit meinem Pass überall hin sein! Und ich weiß nicht mal seinen Namen!
Das ist der Moment, in dem ich überlege, meinen Pass verloren zu melden. Dann habe ich das Problem mit dem Einreisestempel von der Backe. Denke ich.
 
Die Glastüre öffnet sich und der Typ mit meinem Pass taucht wieder auf. Er kann nichts für mich tun.
 
Okay. Cool down. Ich hole mir ein Taxi. Fahre zu meinem Hostel. Erzähle meine Geschichte. Das Hostel ist plötzlich ausgebucht...

 

Dille fällt mir ein. Mein Kumpel. Wir haben ein einziges Jahr zusammen die Schulbank gedrückt. 10te Klasse Gymnasium. Wir waren uns sofort sympathisch. Danach haben wir uns aus den Augen verloren. Und uns wieder getroffen. Fast dreißig Jahre später. An der Ortstankstelle. Er hatte meine Fahrradreise 2008 von Deutschland zum Mount Everest Basislager verfolgt. Eine Woche vor meinem Abflug im November 2014 dann das erneute Wiedersehen und sein Angebot nach meiner Ankunft Anfang Dezember 2014 in Thailand bei ihm in seinem Appartement in Bangkok zu schlafen. Doch ich nehme sein Angebot nicht in Anspruch.

 

Rückblick:

 

Anfang März 2015 war mir kurz vor Phuket, im Süden Thailands, nach einer Nacht am Strand, meine große gelbe Packtasche mit Zelt, Schlafsack, Schuhe und Kreditkarte (versteckt unter der Einlegesohle) geklaut worden.

 

Thomas, Bettina und Micha, Stuttgarter Freunde zu der Zeit im Urlaub iauf Phuket, hatten mir 600 Euro geliehen und Kleidung für mich gesammelt. Damit hatte ich es bis Bangkok geschafft. Unterwegs hatte ich Dille eine Mail geschrieben und und ihn darum gebeten, mir meine eigenen Klamotten und Schuhe aus Deutschland mitzubringen. Als ich am 9. März in Bangkok angekommen bin, hatte ich ihn sofort getroffen um meine Kleidung in Empfang zu nehmen.

 


11. März 2015 - Spätnachmittag

 

Nun benötige ich ihn erneut. Er ist ja immer noch in Bangkok. Ein Anruf und ich kann bei ihm schlafen. Der Weg dorthin: eine Stunde Fahrt bei Nacht durch die Häuserschluchten.

Ich öffne meinen Fahrradkarton und baue meine Reiserad wieder zusammen. Vergeblich habe ich eine Stunde lang versucht ein Taxi zu bekommen. Den Fahrradkarton kann ich nach zähen Verhandlungen dann doch noch im Hostel deponieren. Nur mit einer Stirnlampe bewaffnet, stürze ich mich in den nächtlichen Verkehr Bangkoks.

 

Vorbei an der Botschaft von Myanmar, wo ich mein Visum nach meiner Ankunft im Dezember erhalten hatte. Vorbei an dem Lokal, wo ich das vermeintlich erfolgreiche Ende meiner Reise gefeiert hatte. Jetzt darf nichts passieren. Alles geht gut. Obwohl ich ohne Rücklicht auf mehrspurigen Straßen unterwegs bin. Feierabendverkehr.

Angekommen, beziehe ich das Gästezimmer hoch oben über den Dächern von Thailands Hauptstadt. Lange sitzen wir auf dem Balkon, trinken ein paar Singhas und sprechen über den nächsten Tag. Der Tag, an dem ich mich den Behörden stellen werde.

Wir reden über meine Idee, meinen Pass verloren zu melden. Dille rät mir ab. Ich stimme zu. Ich hätte kein gutes Gefühl dabei. Und ich kann schlecht lügen.

Ehrlich sein. Alles scheint klar. Und wir sind uns einig. Das kann kein großes Ding sein. Wir sollten uns irren.

 

12. März 2015

 

Dille, bei dem ich in der Sukhumvit Road in Bangkok übernachtet habe, ist schon zur Arbeit unterwegs, als ich gegen 8 Uhr aufstehe. Am Abend zuvor hatten wir noch meinen Reisepass gescannt und ausgedruckt. Wie vereinbart, versuche ich die deutsche Botschaft telefonisch zu erreichen. Vergeblich. Ich schreibe eine E-Mail und schildere meinen Fall.

Danach packe ich mein MacBook, mein iPhone, die Kopien des Reisepasses, einen Stapel Passfotos, meine letzten Baht und was mir sonst noch wichtig erscheint und versuche die Wohnung oder besser gesagt, den Hochsicherheitstrakt, meines Freundes zu verlassen. Er hatte mir das auch alles in der Nacht vorher noch erklärt, aber dafür war wohl in meinem Hirn zu der Zeit kein Platz.

 

Jedenfalls werde ich schier wahnsinnig ob der Vorstellung, dass man eine Tür nicht einfach durch aufschließen und Klinke drücken öffnen kann und mit der Chipkarte komme ich überhaupt nicht klar. Ich weiß nicht, was ich alles probiere, bis "endlich" die Alarmanlage losgeht. Das bringt mich völlig aus der Fassung. Wochenlang da draußen unterwegs zu sein und dann wieder in so einem Betonbunker - und mag er noch so "schön" sein - das ist zu viel für mich.

 

Hilflosigkeit wird von Panik abgelöst. Die Sirenen sind unerträglich für meine hoch sensitiven Sinne. Plötzlich geht die Schlafzimmertür auf und seine Frau schaut mich verschlafen an. Ein Griff und die Wohnungstüre ist offen. Dann zum Aufzug.

 

Kaum bin ich drin, geht die Tür zu und wieder wird irgendetwas von mir erwartet, an das ich mich nicht mehr erinnere. Was ich auch probiere, es funktioniert nicht. Es dauert wieder nicht lange, dann geht auch noch das Licht aus.

 

Klaustrophobie ergreift mich. Ich fange an zu schreien und zu toben. Ich hasse diese Technik! Plötzlich meldet sich eine Stimme aus dem Lautsprecher im Aufzug und will wissen, ob man mir helfen kann. Ja, kann man! "Open that fucking door!" schreie ich nur und schlage gegen die Wände.
 
Im Erdgeschoss angekommen, verlasse ich wutentbrannt den Aufzug und kann mich nur mit Mühe und Not beim Security-Mann für seine Hilfe bedanken um direkt im Anschluß weiter lauthals fluchend das super sichere Gebäude zu verlassen.
 
Wieder kommt mir der Spruch ins Gedächtnis:
 
"Eigentum ist immer eine Gefahr;
es lockt Diebe an.
Es macht erpressbar.
Es will beschützt werden.
Es macht krank, ambivalent, schizophren, weil man es verstecken MUSS und zeigen WILL."
 
Gut 30 Kilometer liegen vor mir. Innerhalb der Stadtgrenzen von Bangkok wohlgemerkt. Nach gut einer Stunde mache ich eine Pause, trinke einen Eiskaffee und prüfe meine eingegangenen Mails. Baff erstaunt registriere ich, dass ich bereits eine Antwort der deutschen Botschaft bekommen habe. Kurz und knapp: "Bitte setzen Sie sich mit der thailändischen Immigration Behörde in Verbindung und versuchen Sie gemeinsam eine Lösung zu finden". So, oder so ähnlich. Sinngemäß. " Wir können Ihnen nicht helfen".
 
Ich liebe Klarheit. Also weiter geht´s. Kurz nach 12 Uhr komme ich am Bangkok Immigration Office an.

 

 

Dort hat gerade die Mittagspause begonnen die bis 13 Uhr dauert. Ich schließe mein Reiserad vor dem Hintereingang des Riesengebäudes an und gehe ins Innere, wo geschätzte 150 Leute bereits warten. Na prima!

 

Vor der Türe, die ich passieren muss, stehen nicht so viele Leute. Vor mir vielleicht 30. Aber das ist ja auch schon was. Kurz nach 13 Uhr kommt dann Bewegung in die Menge. Die Türe geht auf - und - alle dürfen rein! Die meisten wissen wohl was sie wollen und vor allem wie sie das bekommen. Schnell komme ich an die Reihe, schildere an einem Schalter meine Situation und bekomme ein Formular ausgehändigt. Scheint ja doch nicht so schwierig zu sein, meine Lage, wenn es schon Formulare dafür gibt...
 
Das ausgefüllte Formular gebe ich zusammen mit meinem Reisepass ab. Daraufhin darf ich in einem großen Wartesaal Platz nehmen.

 

 

Ich wähle die erste Reihe und finde mich inmitten von unzähligen Menschen anderer Nationalitäten wieder. Schnell komme ich mit einem sehr netten Jemeniten schräg hinter mir ins Gespräch. Wie gerne würde ich eines Tages mit dem Rad durch dieses Land vagabundieren und vor allem die sagenhafte Stadt Sana´a sehen. Doch wenn selbst er mir abrät? Einfach zu gefährlich.

 

Irgendwann werde ich aufgerufen. Ich werde in ein kleines Büro geführt. Eine junge, hübsche Beamtin hört sich meine Geschichte an und stellt Fragen dazu, die ich wiederum beantworte. Dann werde ich gebeten wieder Platz zu nehmen.

 

Einige Zeit später bringt sie mich zu einem höheren Offizier in ein größeres Büro in dem sich noch weitere Beamte befinden. Wieder darf ich meine ganze Geschichte erzählen. Wieder werden mir Fragen gestellt. Der Offizier lächelt verstehend. Denke ich. Kurz darauf verlässt er den Raum und kehrte einige Zeit später zurück. Er berichtet mir, dass sich in Ranong bei der Immigration niemand an mich erinnert.

 

Heute weiß ich warum. Die letzten dreieinhalb Jahre war ich felsenfest davon überzeugt gewesen, daß die Burmesen, die mich mit dem Boot von Myanmar nach Thailand gebracht hatten, absichtlich meinen Reisepass nicht hatten stempeln lassen.

 

Doch dem war nicht so.

 

 

Rückblick:

 

14. Januar 2015.

 

Im Hafen von Kawthaung (Myanmar) habe ich an damals die Entscheidung getroffen, mich in das erstbeste Fährboot nach Thailand zu setzen. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich alle Überfahrtangebote zunächst ausschlagen sollen. Entscheidungen, bei denen man sich überrumpelt vorkommt, sind keine guten Entscheidungen. Sich der Situation zu entziehen, die Entscheidung zu vertagen und die Lage zu sondieren, das wäre unzweifelhaft die bessere Lösung gewesen.
 
Was folgte, waren Ereignisse, die mich im Nachhinein betrachtet, mein Leben hätten kosten können.

 

Ich hätte es wissen müssen. Schon als wir nach siebenstündiger Speedbootfahrt in Kawthaung ankommen und kaum das Boot verlassen haben, verbreiten die Jungs, die uns von hier mit dem Longtailboot rüber über den Fluss nach Thailand bringen werden, eine Riesenhektik. Ich mag das nicht. Profis bleiben cool. Hektiker überdecken ihre Unsicherheit.

 

Zumindest hier. Zunächst beginnt alles positiv. Einer der Kerle bringt mich ins Immigration Office und rennt für mich zum Copyshop, um meinen Pass zu kopieren. Alles wunderbar.

 

Doch dann wird auf Geschwindigkeit gedrängt, die nicht zu dem passt, was danach alles passiert. Als ich schon in dem kleinen Boot sitze und zahlen soll, habe ich nur Khiat (burmesische Währung). Die Jungs wollen aber 200 Baht. Ich gebe ihnen 6.000 Khiat. Beim Wortwechsel erfahre ich, daß ich meine 50.000 Khiat in Thailand nicht mehr in Baht zurückgewechselt bekommen. Und das sind immerhin 50 €. Also nochmal raus aus dem Boot und direkt am Pier alle Khiat in Baht zurückgewechselt. Natürlich zu einem schlechten Kurs. Als mir klar wird, das es um ein paar Cent geht, willige ich schließlich in den schlechten Deal ein.

 

Zurück zum Boot, wo die Jungs weiter Hektik verbreiten und wild mit den Armen fuchteln. Dann legen wir ab, um gleich danach an anderer Stelle wieder anzulegen. Einer muss nochmal mit unseren Pässen an Land und kommt mit zwei länglichen Päckchen zurück.

 

Wieder wird abgelegt und auf Zurufen vom Ufer, wo wahre Menschentrauben das Ganze beobachten, ein weiteres Mal angelegt. Diesmal wird noch ein weiterer Passagier mit an Bord geholt. Ich werde langsam sauer und rufe dem Erstbesten zu, daß wir jetzt endlich nach Thailand fahren sollen! Es ist mein Bauchgefühl, das mir sagt, dass die Herrschaften hier nichts im Griff haben. Frei nach dem Motto: Fünf Freunde und ein Boot. Wir kaufen eins und spielen Fährmann.

 

Als wir endlich abgelegt haben, ist das Erste, was einer der Amateure macht, mein Gepäck, das mir zu Füßen liegt, wieder woanders hinzustellen. Was natürlich weiter für Unruhe an Bord sorgt. Dann klappt er mehrere, miteinander verbundene Bodenbretter hoch und fängt an, das in das undichte Boot eingedrungene Wasser von Hand wieder ins Meer zu schöpfen. Mein Gefühl, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, wird stärker.

 

 

 

Einer der Crew ist beim letzten Stopp am Ufer geblieben. Ausgerechnet der Steuermann. Dass das nicht geplant war, wird schnell transparent. Der Ersatzmann hat´s nämlich nicht drauf!

 

Als wir endlich Fahrt aufnehmen, suche ich in der Ferne das thailändische Ufer. Nach einer Weile wird mir klar, dass das keine Fahrt von zehn Minuten wird, denn die Flussmündung, die Thailand von Myanmar trennt, mutet wie der Beginn des offenen Meers an.

 

Ich meine, ich bin ja nicht leicht zu erschrecken. Vorausgesetzt ich habe die Situation selbst herbeigeführt. Was mir hier aber nicht gefällt, ist diese Machtlosigkeit. Mit fünf anderen Passagieren in einer Nussschale. Um uns herum nur Dilettanten. Und die verbreiten weiter Hektik.

 

Richtung Flussmitte werden die Wellen höher und kommen von links. Und was macht der Steuermann, der Vollidiot? Er fährt parallel zu den Wellen und nimmt das Gas weg! Ich befürchte wirklich, dass wir früher oder später kentern. Ein Longtailboot überholt uns. Was macht der Steuermann aus Hilflosigkeit? Er versucht dem anderen Boot hinterher zu fahren.

 

Die Wellen werden kleiner. Nach wie vor werden wir aber rechts und links überholt. Bei den thailändischen Grenzern angekommen, eskaliert dann der Streit zwischen der Thailänderin hinter mir und dem jungen Burmesen, der unsere Pässe hat. Auf dem Höhepunkt des Streits drückt sie ihm voller Wut ihren Finger ins Gesicht. Ihr Mann unterstützt sie verbal. Ich bin wohl nicht der Einzige, der merkt, dass hier wortwörtlich etwas aus dem Ruder läuft. Kurz bevor sie aufeinander losgehen, schlichte ich.

 

Das Ablegemanöver zeigt abermals den Dilettantismus des Steuermanns. Es geht eben doch noch schlechter.

 

An der vermeintlich thailändischen Immigration geht das Fiasko weiter. Wir legen an, aber sechs Boote, die nach uns anlegen, sind auch genauso schnell wieder weg. Nur wir nicht.

 

Nachdem wir angelegt haben, sammelt der Anführer der Fährleute unsere Pässe ein und läuft vor unseren Augen den Steg hoch zur Immigration Baracke. Dort sehen wir ihn die ganze Zeit, vermeintlich mit einem Thai in der Baracke sprechen. Ob das tatsächlich so war, weiß ich nicht. Der Mensch sieht, was er sehen will.
 
Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt er wieder zu uns herunter gelaufen und wirkt etwas ratlos. Kurz darauf läuft er wieder hoch zur Immigration. Wieder vergehen endlose Minuten. Eine gefühlte Ewigkeit später überreicht er uns unsere Pässe und wir fahren die letzten paar hundert Meter in den thailändischen Hafen von Ranong.

 

Ab diesem Zeitpunkt gehe ich davon aus, dass ich einen Einreisestempel in meinem Pass habe. Doch genau wie alle anderen Bootsinsassen überprüfe ich das nicht.

 

Im Hafen von Ranong angekommen wird mein Bike samt Gepäck auf das Landungspier gehievt, wo ich es in Empfang nehme. Eine Packtasche nach der anderen wird von mir an meinem Reiserad befestigt. Dann quere ich eine Halle... Als ich sie verlasse, habe ich einen verhängnisvollen Fehler begangen.

 

ENDE RÜCKBLICK

 

12. März 2015 - Spätnachmittag

 

Immer wieder werden mir die gleichen Fragen gestellt. Immer wieder gebe ich dieselben Antworten. Dazwischen entstehen Pausen, die immer länger werden. Die Atmosphäre ist entspannt. So entspannt, daß man mir auf meine Nachfrage hin sogar den WLAN-Code mitteilt und ich damit beginne zu bloggen.

 

Kurz vor 18 Uhr stehe ich auf und schaue über die Trennwände hinaus Richtung Wartebereich. Leer. Kein Mensch sitzt mehr dort. Ich scheine der Letzte zu sein.

 

"Finish for today?" frage ich.

"Yes" kommt die Antwort von dem Offizier, der mich den ganzen Nachmittag befragt hat.

 

"So i can cycle back to my friend, sleep there and come back tomorrow to continue talking?" frage ich.

 

"No. You will go into prison" lautet die unglaubliche Antwort.

 

 

"And what about my bicycle? I came by bicycle" frage ich. Das bringt die beiden Offiziere, die sich ab jetzt um mich kümmern sichtlich aus dem Konzept. Aber nur für kurze Zeit.

 

Die beiden Offiziere beraten und organisieren einen Pickup. Zwanzig Minuten später brechen wir auf. Der Pickup wird zum Hintereingang bestellt. Als wir das Gebäude verlassen, entdeckt der Offizier mein Bike. "Is that yours?". "Yes", sage ich, schließe das Schloß auf, setze mich aufs Rad und fahre an dem Offizier vorbei Richtung Pickup um im letzten Moment nach rechts weg abzubiegen. "Bye" rufe ich und grinse. Ungläubig schaut mir der Offizier nach. Ich halte, drehe bei und grinse: "it was a joke ;-)"

 

Gut eine Stunde lang quälen wir uns durch den Abendverkehr von Bangkok. Die beiden Polizisten sitzen vorne und ich hinten auf der Rücksitzbank. Alles easy, denke ich.

Alles wird sich klären. Ich spüre keinerlei Beklemmung. Die werden mich im Gefängnis weiter befragen und dann darf ich gehen, denke ich.

 

Wäre auch ein bißchen viel gewesen,  jetzt noch bei Dunkelheit die dreissig Kilometer zurück zu fahren. Dann sind wir da. Eine Straße wie jede andere. Unscheinbare Gebäude. Wir fahren in einen Art Hinterhof. Halten an. Weiterhin entspannte Atmosphäre. Gemeinsam laden wir mein Bike ab. Auf meine Nachfrage hin, schließe ich es vorerst an einen Betonpfeiler an. Dann geht es auf eine Art offene Betonplattform im Freien.

 

 

Vor mir sitzen ca. zwanzig Afrikaner auf dem Boden. Somalis. Sie sitzen da nicht freiwillig, das wird mir sofort klar. Thais stehen bei Ihnen. Ich spüre, da stimmt was nicht. Instinktiv löse ich mich von "meinen" Polizisten und will mich aus Solidarität zu den Somalis setzen.

 

Stop. Man bedeutet mir, hinter die Somalis zu stehen. Was ist denn das für eine Rassistenscheiße, denke ich. Schwarze müssen sitzen, Weiße dürfen stehen - oder was? Wortwörtliche Erniedrigung.
 
Mein Gehirn realisiert immer mehr das Unfassbare. Zwanzig Somalis. Acht bis zehn Männer. Neun Frauen. Ein kleines Mädchen, ein noch kleinerer Junge. Vielleicht vier und drei Jahre alt. Was ist das denn? Mein Verstand sträubt sich zu akzeptieren, was meine Augen sehen. Ein Frau schaut mich so seltsam an. Ich komme nicht drauf warum.
 
Wir werden fotografiert. Als Gruppe. Sonderbar.
Dann werden wir in den ersten Stock eines der Gebäude gebracht.

 

Von Anfang an, habe ich das Gefühl, das einzig Falsche, was ich tun kann, ist es, den Somalis das Gefühl zu geben, daß ich wirklich denke, ich bin als Weißer priviligiert. Kunststück, wenn man so behandelt wird. Also, suche ich den Augenkontakt mit den Afrikanern. Zuerst mit den Männern, die etwas weiter von mir wegsitzen und mich beobachten. Es klappt. Da ist kein Hass.
 
Das kleine Mädchen erkundet den Raum. Mir fällt das kleine Engelchen ein, daß mir Dani, die Frau meines Kumpels Uwe, vor sieben Jahren auf meine Reise zum Mount Everest mitgegeben hatte. Zusammen mit einer kleinen bunten Blechdose, die ich von meiner Exkollegin Gudrun 2008 bekommen habe, klappert das wenigstens ein bißchen. Das Mädchen nimmt meine Überraschung gerne an.

 

Damit ist auch das Eis mit den Somalifrauen gebrochen. Sie sprechen mich an. Wollen wissen, woher ich komme, ob ich verheiratet bin und ob ich Kinder habe.

 

Ungläubig registrieren sie meine vorsichtigen Antworten. Als ich sage, dass ich keine Religion habe, wird mir sofort der Koran empfohlen. Für die Frauen ist es unvorstellbar, daß ich nicht an Allah glaube. Wie will ich denn dann wieder hier raus kommen, fragen sie mich.
 
Und dann bricht es mir fast das Herz. Die Frau, die mich so seltsam angeschaut hatte, sitzt schräg hinter mir. Mir verschlägt es die Sprache. Dort wo ihr linkes Auge sein sollte, klafft eine leere Höhle aus der immer wieder Blut sickert. Ausgestochen. Im Krieg oder auf der Flucht.

 

Ein netter Burmese taucht auf und nimmt von jedem von uns Fingerabdrücke. Kurze Zeit später sehe ich meinen Reisepass auf einem der Schreibtische liegen. Als ich mir danach im Nebenraum die Hände waschen darf, drücke ich heimlich auf den Auslöser meine Kamera. Dabei entsteht das Foto links von dem Tisch an dem wir alle unsere Fingerabdrücke abgeben müssen.

Danach werden wir wieder in das Erdgeschoss gebracht. Zuerst die Somalis, dann ich.

Unten angekommen geht es weiter zum nächsten Haus. Man führt uns eine Rampe hoch, durch eine Tür ins Gebäudeinnere. Dort öffnet sich die erste Gittertür. Wir sind in einem Art Innenhof. Vor mir ein großes Glasfenster.

 

Dahinter Polizisten, Wachpersonal, Security. Rechts daneben Gitter. Sind da Menschen drin? Rechts daneben noch zweimal Gitter. Wir müssen antreten.

 

Wieder Rassismus. Schwarz rechts. Weiß - ich - links. Man fordert uns auf, unsere Mobiltelefone abzugeben. Alle befolgen den Befehl. Bis auf einen Somali. Er hat zwei und behält eines. Ein Offizier hat Wind davon bekommen. Er geht zwei Schritte auf den Somali zu und schreit ihn an: "Give me your mobile!". Der Somali bekommt Angst und fischt das Telefon aus irgendeinem Versteck in seiner Kleidung. Zu spät. Mit voller Wucht landet die Faust des Offiziers mitten im Gesicht des Afrikaners. Damit ist ab jetzt alles klar und alles möglich, denke ich. No Limits. Gib Menschen Macht...
 
Während die Somalis als erstes eingesperrt werden, stehe ich etwas seitlich vom Geschehen, als der brutale Offizier in meine Richtung kommt. "Was that necessary?" frage ich ihn in Bezug auf seinen Faustschlag und rechne damit, mir selbst Prügel einzufangen. In dieser Welt schauen schon viel zu viele Menschen weg, denke ich. Doch er schweigt und wirkt kurz nachdenklich.
 
Dann fordert man mich auf mein Gepäck zu nehmen und es auf einen Haufen anderer Koffer, Taschen, Rucksäcke und Kartons am anderen Ende des Innenhofs zu legen. Der Weg dorthin führt an den drei Gittern vorbei, die tatsächlich Gefängniszellen sind. Das wird mir erst beim Vorbeigehen klar. Mit Entsetzen registriere ich Kinder und Frauen in der ersten Zelle und Männer in der zweiten.
 
Die Zeit scheint sich zu verlangsamen. Es ist alles so unwirklich. Das hier und ich.

Nach wie vor glaube ich nicht, daß ich im Gefängnis bin auf dem Weg in eine der Zellen. Das klärt sich, denke ich bis zuletzt.
 
Während ich meine Taschen auf die anderen Gepäckstücke staple, merke ich wie ich angestarrt werde. Aus der letzten Zelle. Die, die fünf Meter von mir entfernt ist. Ich versuche etwas durch die gelblichen Gitterstäbe zu erkennen. Sehe nur weiße Augen und weiße Zähne, die auf mich warten. Dann bedeutet man mir genau in Richtung dieser Zelle zu gehen.

 

Mein Verstand rebelliert. Das kann nicht sein. Das ist ein Irrtum. Das ist nicht die Wirklichkeit.

 

Wie betäubt mache ich Schritt um Schritt darauf zu. Die Zellentür öffnet sich, Menschen weichen ins Halbdunkle zurück, ein Schritt und ich bin über die Schwelle, ein zweiter Schritt und die schwere Eisentür fällt hinter mir ins Schloß.

13. März 2015 - die erste Nacht im IDC Gefängnis

 

"Where do you come from?" fragt mich eine Stimme aus dem Halbdunkeln mit provozierendem Unterton.
 
"Germany" antworte ich.
 
"Do you like Hitler ?" ruft ein Nigerianer von rechts und kommt auf mich zu.

"No, i don´t like Hitler" antworte ich.
 
Falsche Antwort.
 
"But i like Hitler! I´ve read his book. He was a good guy, Hitler was a good guy" antwortet der Nigerianer, der rechts aus dem Halbdunkel auf mich zugekommen und bereits absichtlich in meine intime Distanzzone eingedrungen ist, um mich einzuschüchtern. Sein Kopf ist so nahe an meinem, dass ich automatisch zurückweichen möchte. Geht aber nicht. Ich stehe schon in der Ecke. Links die Wand. Hinter mir die Zellentür, durch die ich soeben meine neue Bleibe betreten haben.

"Why are you here in prison?" ist die nächste Frage des Zellenchefs. Während ich versuche, mir einen Überblick über die Lage in dem knapp 4 x 5 m großen Raum zu verschaffen, erzähle ich ihm eine Kurzversion meiner Story. Alle im Raum lauschen meiner Geschichte. Ein zweiter muskulöser Nigerianer hat sich an die Seite des ersten positioniert. "You´ve cycled all that way from Bangkok to Mae Sot and Myanmar?" werde ich ungläubig gefragt. "Yes, i did - of course...". Das verschafft mir den nötigen Respekt.
 
"Where are you from?" stelle ich meine erste Gegenfrage. "Nigeria!!!" - "We are from Nigeria" sagt er mit großem Stolz "You know Boko Haram? That´s why i left my country. I am a soldier. I´ve killed a lot of people."
 
Während ich ihm zuhöre, versuche ich mir einen Überblick über die Situation in der Zelle zu verschaffen. Zunächst sehe ich nirgendwo einen freien Platz auf den weißen Bodenfliesen. Rechts erkenne ich ein paar der somalischen Männer wieder, die mit mir zuvor erkennungsdienstlich behandelt wurden. Links vor mir liegt ein Mensch mit dem Rücken zu mir am Boden. Dahinter scheint ein wenig Platz zu sein. "Okay, you can look for space to sleep" sagt der Nigerianer zu mir.
 
Wieder wandert mein Blick zu dem Mann, der keine zwei Meter entfernt, mit dem Rücken zu mir, am Boden liegt. Seine Arme und Beine sind völlig abgemagert. Wie tot liegt er da und rührt sich nicht. Als ich vorsichtig zu seinen Füßen an ihm vorbeigehe, wird mir klar, warum neben ihm etwas Platz ist. Seitlich liegend versucht er gerade in eine abgesägte Plastikwasserflasche zu urinieren. Dann kommt etwas Bewegung in seinen Körper. Er versucht seine Oberkörper anzuheben, was ihm kaum gelingt. 30 cm vor ihm liegt eine Plastiktüte. Mit letzter Kraft versucht er zu husten und seinen Auswurf in der Tüte zu platzieren. Die Pfütze vor ihm beweist, dass ihm das nicht immer gelingt.
 
Ich gehe weiter und setze mich direkt an die gekachelte Wand, die unseren Raum vom Naßbereich trennt.

 

Damit Ihr mal eine erste Idee bekommt, wie ich die ersten zwei Tage und Nächte im IDC in Bangkok verbracht habe, hier ein verbotenerweise gedrehtes Video eines anderen Häftlings zu einer anderen Zeit. Die Zelle ist dieselbe, nur war sie bei uns mit mehr als 20 Häftlingen brechend voll…

 

Auf dem Standbild des Videos sieht man diese kurze Wand, vor der der Mann mit dem weißen T-Shirt sitzt. Das Video selbst habe ich im Netz gefunden. Es handelt sich um genau die Zelle, in der ich mich die ersten beiden Nächte befunden habe.

 

Der Naßbereich scheint im Video neu oder blitzeblank geputzt. Die Wirklichkeit sah signifikant anders aus. Lediglich eines der drei Stehklos konnte genutzt werden. Die beiden anderen Toiletten waren voll behängt mit irgendwelchen Konstruktionen zum trocknen von Kleidern oder wurden als Ablageort genutzt.
Als Türe diente ein großes Brett, mit dem man das Stehklo notdürftig verrammeln konnte, um etwas Privatsphäre bei der Verrichtung der Notdurft zu haben.

 

 

Man hat mir erlaubt, eine Packtasche mit den wichtigsten persönlichen Dingen mit in die Zelle zu nehmen. Ich positioniere die Tasche hinter mir und versuche zu realisieren, wo ich hier gelandet bin. Ungläubig schaue ich in die Runde. Da ist noch ein Weißer. Ein Mann, der die sechzig Jahre schon deutlich überschritten hat. Unrasiert. Nackter Oberköper. Er scheint zu phantasieren. Führt Selbstgespräche. Versucht von Zeit zu Zeit aufzustehen, ist aber fast zu schwach dafür. Dann steht er doch irgenwann mitten im Raum und faselt kaum hörbar etwas vor sich hin. Der Blick ist irgendwo in einer anderen Welt.

 

Nach ungefähr einer viertel Stunde kommt der andere Nigerianer zu mir und stellt sich als Emeka vor. Schnell merke ich, daß Emeka ein "Guter" ist. Er erklärt mir, wie das hier drin funktioniert und wer, warum inhaftiert ist. Die beiden Bilder zeigen Emeka (links) im "richtigen Leben". Wir stehen über Facebook in Verbindung. Er arbeitet wieder als Berater in Lagos Nigeria, wie er mir geschrieben hat.

 

Neben der Zellentür schlafen die beiden Nigerianer und noch drei andere Schwarzafrikaner. Sie haben den meisten Platz. Ein schmaler Thai hat seinen Bereich direkt bei ihnen. Bei ihm kann man Lebensmittel und Getränke kaufen.

Dann kommt Patrick, ein verfolgter Christ aus Pakistan. Neben ihm liegt der verrückte Engländer, der dauernd redet, den aber keiner versteht. Der müsste schon lange raus aus der Zelle, sagt Emeka, der braucht ärztliche Hilfe. Links vom Engländer liegen die vier Somalis. Der, der den Faustschlag ins Gesicht bekommen hat, ist auch dabei. Dann sind da noch ein Vietnamese, ein Laote und zwei Chinesen. Der, der halbtot am Boden liegt und alle halbe Stunde versucht in die Plastiktüte zu spucken, ist ein Burmese. Er scheint schwer krank zu sein. Emeka erzählt mir, dass wohl ein thailändischer Arzt da war, aber die Zelle gar nicht betreten habe. Er habe den Burmesen nur durch die Gitterstäbe hindurch angeschrien und sei dann wieder gegangen. Ich will es nicht glauben. Der Mann braucht dringend ärztliche Hilfe. Ich habe die Befürchtung, dass er die Nacht nicht überlebt.
 
Über den Gitterstäben hängt ein riesiger Flachbildschirm. Man kann der Fernsehfolter nicht entkommen.
 
Nachdem Emeka wieder zu seinem Platz zurückgegangen ist, stehe ich auf und inspiziere den Naßbereich. Schnell ist mein Entschluss klar. Da ich mit Stehklos nicht umgehen kann und hier auch nahezu keine Privatsphäre existiert, werde ich die Sache ganz einfach lösen, in dem ich das Essen einstellen werde. Mein persönlicher Hungerstreik sozusagen. Als stiller Protest gegen diese inhumanen Bedingungen. Meine Logik ist ganz einfach. Wenn ich hier nur herumsitze und herumliege, dann verbrauche ich auch kaum Kalorien. Und wer nicht isst, muss auch nicht kacken. So einfach ist das.
 
Eine ganze Zeit später verrammele ich eines der Stehklos und gehe "duschen". Mit kleinen Plastikschüsseln schöpfe ich Wasser aus einem Eimer und gieße mir das Nass über den Kopf. Herrlich.
 
Später wird der Naßbereich von dem kleinen Thai als geschlossen erklärt, damit die nigerianischen Zellenchefs in Ruhe duschen können.
 
Irgendwann wird der Fernseher von außerhalb abgeschaltet. Nun ist offiziell Nachtruhe angesagt. Ich versuche auf den nackten Fliesen Einzuschlafen und schaue sehnsüchtig zu den Afrikanern, die wenigstens eine dünne Decke unter ihren Körpern liegen haben.
 
Irgendwann nachts ist dann auch meine Zeit gekommen. Patrick, der Pakistani dreht sich im Schlaf zu den Nigerianern und die Häfte seiner Decke wird frei. Ich nutze die Chance, stehe auf und lege mich zwischen ihn und den verrückten Engländer.
 
Es wird dunkel in meinem Kopf.

 

 

14. März 2015 - Vor Gericht

Eine unbequeme Nacht liegt hinter mir. Spät in meiner ersten Nacht im IDC-Gefängnis in Bangkok hatte ich einen Platz auf einer dünnen Wolldecke entdeckt und eingenommen. Dann war ich eingeschlafen. Im Laufe der Nacht wache ich immer wieder auf, weil sich entweder der verrückte Engländer oder Patrick, der Pakistani, im Schlaf auf meine Seite drehen, was automatisch zu unbewussten Platzbeanspruchungen führt. Der, der mehr wach ist, behält dann die Oberhand.
 
Gegen 7:30 Uhr ist die ganze Zelle wach, es gibt Frühstück. Jeder bekommt eine Blechmenüschale. Das ist ein Art Teller mit zwei unterschiedlichen Vertiefungen. Im Laufe der nächsten Tage werde ich feststellen, dass das Essen wirklich abwechslungsreich und gesund ist. Morgens, mittags und abends gibt es Reis und eine Art gekochte Gurke. Mit etwas undefinierbarer grünbrauner Suppe oder Soße. Das war´s.

 

Patrick ist ein richtig netter Kerl. Schnell werden wir Freunde. Überhaupt nehme ich die Stimmung heute morgen ganz anders wahr wie gestern, als ich in die Zelle kam.
 
Keine Spur von Gewalt oder Bedrohungen. Die Grundstimmung ist solidarisch. Dadurch, dass ich mir in der Nacht den Platz zwischen Patrick und dem Engländer gesichert hatte, bin ich gefühlt in die zweite Hierarchieebene gekommen. Die dritte Hierarchieebene wird von den Burmesen, Laoten, Vietnamesen und Chinesen eingenommen. Sie sitzen verschüchtert und schweigend an der gekachelten Wand im hinteren Bereich unserer Zelle.

 

Patrick erzählt mir seine Geschichte als verfolgter Christ in Pakistan. Nach seiner Entlassung aus dem IDC wird der Traum wahr, von dem er mir in unserer kurzen gemeinsamen Zeit mit leuchtenden Augen und unerschütterlichem Glauben spricht. Er lebt heute glücklich in einer christlichen Gemeinde in Canada.

 

 

Nach und nach spreche ich mit den anderen Schwarzafrikanern aus Mali, Nigeria und Somalia. Alle scheinen relativ entspannt. Von Patrick erfahre ich auch, dass wir wohl heute noch vor Gericht kommen werden.
 
Etwas später müssen alle neu Inhaftierten des Vortags aus der Zelle und im Innenhof antreten. Man macht Fotos von uns. Etwas später an diesem Vormittag werden Patrick, der nigerianische Zellenchef, einer seiner Freunde und meine Wenigkeit erneut aus unserem neuen Zuhause vor das Gebäude geführt. Zuvor werden die beiden Nigerianer noch an den Handgelenken aneinander gekettet.

 

 

Zu meiner Überraschung bekommen wir unsere Smartphones ausgehändigt.
Vor dem IDC Gefängnis wartet bereits ein luftiger, aber vergitterter Gefängnistransporter auf uns. Quer durch Bangkok geht es in brütender Hitze Richtung "Court" (Gericht).

 

Als wir vor einem Staatsgebäude halten, fährt neben uns ein Moped vor. Hinten drauf sitzt ein hübsches Mädel. Die Nigerianer flirten mit ihr. Sie kommt näher und unterhält sich mit den Beiden. Da kommt ein zweites Moped. Einer der Nigerianer bekommt Schwierigkeiten mit dem Mädel auf dem zweiten Moped. Sie ist wohl seine "richtige" Freundin und hat wahrscheinlich die Geschichte mit der anderen Hübschen in den falschen oder richtigen Hals bekommen. Die Nigerianer führen ein Telefonat nach dem anderen. Versuchen Geld zu besorgen.

 

Ein Polizist, der den Parkplatz vor dem Gebäude bewacht, wird auf uns aufmerksam. Er kommt auf unser Gefährt zu und fragt ob wir Durst hätten. Logisch, bei der Hitze! Kurz darauf kommt er mit kleinen Wasserflaschen zurück. Mit Hilfe eines Strohhalms trinken wir gierig die Fläschchen leer.

Dann geht es weiter. Ich kenne die Gegend. Ein paar Ecken und Straßen später sind wir wieder da, wo ich mich am Tag zuvor freiwillig als "Illegaler" gestellt hatte.

 

Der Begleitoffizier geht mit mir in das riesige Gebäude. Wir suchen verschiedene Räumlichkeiten auf. Ich hoffe auf ein abgeschlossenes europäisches WC und werde enttäuscht. Keine 5 m weiter sitzen ein paar thailändische Beamte im gleichen Raum, in dem sich eine halboffene Toilette befindet. Meine thailändischen Vorgänger pinkelten aneinander gekettet an gleicher Stelle. Abwechselnd versteht sich.

Minuten später erreichen wir den Gerichtssaal. Kein Richter weit und breit. Zwei oder drei Stunden warten wir auf ihn. Im Nebenzimmer geht es hoch her. Irgend etwas wird dort gefeiert. Ich nutze die Gelegenheit und lade mein MacBook und mein iPhone an einer Steckdose in der Ecke.
 
Beiläufig sage ich zu meinem bis dahin sehr netten Begleitoffizier, was mir in diesem Moment durch den Kopf geht:
 
"It´s funny, that i am sitting here in front of the court and the piece of paper we are talking about is not here...".

"You do not have your passport with you?" fragt der Offizier?

Ich traue meinen Ohren nicht und bin sofort auf 180.

"You took my passport yesterday away from me.!" antworte ich und bekomme als Antwort ein schwammiges "no".

Unfassbar. Nun ist auch noch mein Pass weg.
 
Kurz bevor der Richter endlich kommt, werde ich gebrieft: "you have to stand up and if i give you a sign you have to say yes!"
 
Der Film, in dem ich der unfreiwillige Hauptdarsteller bin, wird immer schlechter.
 
2008, als ich im Iran verhaftet wurde, hatte man mir nach einem vierstündigen Verhör ein Dokument in Farsi vorgelegt, mit der Bitte es zu unterzeichnen.
 
Damals hatte ich gesagt: "i will not sign this document, because that could be my sentence to death".
 
Die Iraner hatten kurz überlegt und mich gefragt, wie man das Problem lösen könnte. Mein Vorschlag wurde damals akzeptiert. Der Dolmetscher sagte mir in englischer Sprache, was er in Farsi geschrieben hatte und ich formulierte es dann so, wie ich es unterschreiben würde. Damals hatte man eine Panzerhaubitze auf einer meiner Fotos gefunden, das ich morgens gemacht hatte, als ich zufällig in der Wüste in ein Art Manöver geraten war. Anschließen wollte ich auf einer Anhöhe ein Video der gigantischen Landschaft drehen. Dummerweise waren direkt vor und unter mir militärische Einrichtungen.

 

Endlich kommt der Richter. Vor mir werden noch die beiden Thais, die auch die Toilette benutzt hatten, verurteilt.

 
Mein Name wird aufgerufen. "Yes."

 

Danach wird ein kurzes Statement auf thailändisch vorgelesen. Immer wenn mein Offizier es mir andeutet, sage ich "yes." Der Spuk namens Gerichtsverhandlung ist schnell vorbei. Der Spaß kostet mich 7.000 Baht (ca. 170 €).
 
Meine Mithäftlinge sind froh, als wir endlich wieder zurück sind. Die ganze Zeit mussten sie in der prallen Mittagshitze im Gefängnistransporter sitzend warten.

Patrick, der Pakistani, muntert mich wieder einmal auf. Als wir wieder in unserer 20 qm Zelle sind, sagt er:
 
"Tomorrow they will bring you to the first floor. It is much more better there and on monday you will fly back home."

Am nächsten Morgen werde ich aus der kleinen Zelle geholt. Schnell verabschiede ich mich von meinen Zellengenossen und wünsche allen "good luck". Allein die Zelle Richtung Innenhof zu verlassen ist schon eine Wohltat. Erleichtert laufe ich barfuß mit einem Wachbeamten durch den Innenhof. Eine Zellentür wird vor mir aufgeschlossen. Dann geht es hoch in den ersten Stock. Aufwärts, denke ich. Wortwörtlich. Wir gehen einen Zellengang entlang. Von inks schauen mich unzählige Afrikaner an, die sich mit ihren Händen an den vergitterten Zellenöffnungen festhalten. Ich grüße sie und zwinkere ihnen zu. Sie grinsen und zwinkern zurück.

 

Dann stehen wir vor einer großen, dicken Stahltür. Dahinter wird alles besser, hat Patrick gesagt. Der Beamte öffnet die Tür. Mein Verstand setzt aus.

 

 

ENDE TEIL 1

 

- Fortsetzung folgt -

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Regensburmese (Dienstag, 18 September 2018 19:59)

    UFFFF.... ein irrer Bericht, lebendig, detailliert, spannend. Mitreissend!
    Wo nur, Wo? bleibt Teil 2..........

    Der Ausgeglichenheit halber erwähne ich, daß ich in 17 Jahren Thailandreisen mit den Behörden nur gute Erfahrungen gemacht habe. Die Story oben, zumindest Teil 1, wünsch ich weder mir noch meinen Feinden.....

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