Ein Hund will in die weite Welt

Während ich im Zelt schlafe, verhält sich mein neuer Hundefreund die ganze Nacht ruhig. Er ist wirklich ein ganz feiner Kerl. Am Abend zuvor durfte ich gar nicht aufhören ihn zu streicheln. Sein Fell ist makellos, er scheint gesund und gepflegt zu sein. Wenn der Chefcop meine Frage richtig verstanden hat und ich seine Antwort ebenso, dann "gehört" ihm der Hund. So weit, so klar.

 

Bis zum nächsten Morgen.

 

Nachts hat es wieder etwas geregnet und so habe ich es nicht eilig mit dem Abbau meines Zeltes. Soll es ruhig noch etwas in der Morgensonne trocknen.

 

Kaum zeige ich mich vor dem Zelt, da deutet der Chef schon Richtung Gartenküche und sagt "Coffee! Coffee!"

 

Das hört sich wie Musik an in meinen Ohren.

 

Doch zuerst gehe ich meine Beisserchen reinigen. Wieder an meinem Zelt angekommen, streckt mir El Capitano bereits eine dampfende Tasse entgegen. Das hat ihm wohl zu lange gedauert. Er meint es wirklich gut mit mir.

 

In der Nähe meiner Stoffbehausung lasse ich mich nieder, strecke die Glieder und flöße mir langsam, Schluck für Schluck den Kaffee ein.

 

Was für ein Leben!

 

Einfach.

Naturnah.

Minimalistisch.

 

Genau mein Ding. Das macht glücklich. Das fühlt sich jeden Tag aufs Neue einfach gut an.

 

Was wartet hinter der nächsten Kurve, dem nächsten Berg auf mich?

Was wird auf der Straße passieren?

Wie wird die Landschaft sein?

Welche netten Menschen werde ich kennenlernen?

Wo werde ich was essen?

Wo werde ich wie schlafen?

 

Als man mir vor acht Jahren gesagt hatte, dass Reiseradeln süchtig macht, hatte ich das nicht geglaubt. Heute weiß ich, es stimmt.

Man will immer wieder los.

 

Doch vor der Abfahrt wird erst mal ausgiebig gefrühstückt.

Es gibt Reis mit einem richtig leckeren gekochten, gurkenartigen Gemüse und

Reis bis zum Abwinken.

 

 

Doch dann beginnt es komisch zu werden.

 

Als ich damit beginne, die ziemlich fest verankerten Zeltheringe aus dem Boden zu ziehen, gesellt sich mein Hundefreund dazu und gibt mir sehr schnell und unmissverständlich zu verstehen, dass er mit dem Abbau nicht einverstanden ist.

 

Dennoch gelingt es mir, mit ein paar Ablenkungsmanövern, alle zehn Heringe einzusammeln. Dann entferne ich die Zeltstange und mein Palast fällt, wie geplant, in sich zusammen. Ungeplant ist allerdings, dass mein Freund direkt auf meinem liegenden Zelt ein Sitzblockade beginnt.

 

Der ist ja nicht doof, denke ich. Solange er auf dem Zelt liegt, kann ich es nicht einpacken. Wieder benötige ich eine kleine List. Wenige Minuten später habe ich es doch geschafft und bin bereit zur Abfahrt.

 

Doch mein Freund bellt mich an, wie wenn er mir sagen will: "Nein, Du darfst nicht gehen!"

 

Das ehrt mich zwar ungemein, ändert aber nichts daran, dass ich weiterfahren will. Ich bedanke mich bei meinen drei unglaublich gastfreundlichen Polizisten und rolle zur Straße.

 

Mein vierbeiniger Freund begleitet mich.

Anfangs bellend, dann nur noch neugierig und voller Tatendrang.

Okay, denke ich, nach 500 Metern, am Ortsende, da wird er dann umdrehen.

 

Wir erreichen das Ortsende und mein Freund läuft schwanzwedelnd vor mir her. Keine Kunst. Wir befinden uns direkt im ersten Anstieg.

 

Irgendwas stimmt mit dem Kerl nicht, geht mir durch den Kopf.

 

Der hat doch ein wunderbares Leben dort am Checkpoint.

Essen, Trinken, Schlafplatz, Herrchen.

Will er das etwa alles aufgeben?

Dieses "sichere" Hundeleben?

 

Und dann muss ich plötzlich grinsen.

 

Vielleicht ist er wie Du, denke ich.

 

Der hat durch mich gemerkt, dass es auch noch ein anderes Leben gibt.

Kein Leben, wie es alle Hunde leben.

Nicht nur rumliegen, herumstreunen, fressen und schlafen.

 

Und Sicherheit gibt es sowieso nicht.

Nirgendwo.

Man kann Sicherheit nicht anfassen, das ist nur ein Gedanke, ein Gefühl.

Man kann Sicherheit auch nicht kaufen.

Sicherheit gibt es physikalisch betrachtet gar nicht.

 

Also, wo ist das Risiko?

Es gibt keines.

 

Nein, mein Freund hat anscheinend den Entschluss gefasst, heute morgen mit mir hinaus in die große, weite Welt zu ziehen und alle vermeintlichen Sicherheiten und Annehmlichkeiten hinter sich zu lassen. Der innere Wolf hatte sich gemeldet und der Ruf der Natur und der Freiheit hatte gesiegt.

 

Er war auf dem Weg zurück zu seinen Wurzeln.

 

Und das kann ich mit jedem Meter, den wir gemeinsam hinter uns bringen, mehr beobachten. Mal bleibt er stehen, spitzt die Ohren und schaut in den Dschungel.

 

Dann verschwindet er hinter einer Leitplanke, um Minuten später, mit einem Schlamm überzogenem Fell wieder zu mir zu stoßen, mal erkundet er einen bergan führenden Pfad. Doch spätestens, wenn ich auf gleicher Höhe mit ihm bin, kommt er wieder zu mir.

 

Auf den ersten Anstieg folgt die erste Abfahrt.

 

Mein Freund rennt so schnell wie möglich hinter mir die Straße runter. Dabei fahre ich mit einer Geschwindigkeit von 50 oder 60 Stundenkilometern. Er hat Mühe mir zu folgen. Doch der Wille ist ganz klar erkennbar. Er hat sich wirklich entschieden. Er folgt Mir. Er will so sein wie ich. Eine Reisehund. Ein Hund, der die Welt erkundet. Mit Mir an seiner Seite.

 

 

Das Problem ist nur, dass ich etwas weiß, was er nicht wissen kann. Er kann auf Dauer nicht mithalten.

 

Ein Hund schafft keine Strecken von 80 oder 100 km am Tag. Mein Wissen dazu habe ich aus dem abgebildeten Buch, das ich vor einiger Zeit gelesen habe.

 

Das Radlerpärchen, das dieses Buch geschrieben hat, hatte die Hunde so weit erzogen, dass sie bergauf liefen und bergab auf einem Anhänger Platz genommen haben.

 

Doch diese Möglichkeit haben wir beide nicht.

 

Eine andere Lösung muss her, denn mit jedem Meter entfernen wir uns immer weiter vom Checkpoint.

 

Eigentlich habe ich keine Angst, daß mein Freund seinen Weg zurück nicht findet.

Mir fällt der Film "Zurück nach Hause - eine unglaubliche Reise" von Walt Disney ein. Einer unvergesslicher Film aus der Zeit meiner Kindheit.

 

 

Aber im Augenblick gibt es für ihn nur eine Richtung: mir hinterher.

Da ist kein Gedanke an Umkehr.

 

Nacheinander halte ich mehrere Rollerfahrer an und versuche ihnen zunächst mit Händen und Füßen, später mit Fotos, die Situation zu erklären. Abschließend bitte ich sie dann, am Checkpoint Bescheid zu sagen.

 

Blöd ist nur, dass mich wahrscheinlich kein Mensch versteht, denn der Hund, um den es geht, der ist immer dann nicht sichtbar, wenn ich einen Roller anhalte. Von was rede ich also?

 

Die halten mich alle für wahnsinnig oder für einen Wegelagerer.

 

Der nächste Anstieg. Die nächste lange Abfahrt.

 

So leid es mir tut, ich versuche ihm davon zu fahren.

Während ich hinab ins nächste Tal rase, schaue ich mich immer wieder um.

 

Mein Freund rast mir weiter hinterher.

Das kann auf Dauer nicht gut für die Pfoten sein.

 

Da links.

Ein Pickup mit zwei Männern.

Ungebremst fahre ich auf die beiden zu.

Mein Freund ist noch nicht um die letzte Kurve gebogen.

Als ich endlich zum Stehen komme, rennt mein Freund am Grundstück vorbei.

 

Er hat mein Abbiegen nicht mitbekommen und steuert auf ein Haus zu, das gut hundert Meter weiter die Straße runter rechts steht.

 

Wieder versuche ich den beiden Männern zu erklären, was mich so beschäftigt.

Erneut ohne Erfolg. Mein Freund ist nicht mehr sichtbar, dafür sehe ich zwei große schwarze Hunde langsam in die Richtung laufen, in die er verschwunden ist.

 

Also zurück auf die Straße. Vorbei am Haus.

 

Da steht mein Freund. Gegenüber den zwei deutlich größeren Hunden mit schwarzem Fell.

 

Fremdes Revier.

So wie er schaut, ist er in Erklärungsnot.

Noch ist alles friedlich.

Doch die Situation ist alles andere als entspannt und fordert seine ganze Aufmerksamkeit.

Er sieht mich nicht, wie ich vorbeifahre.

 

Wie gerne hätte ich ihn weiter an meiner Seite gehabt.

Aber das geht nicht.

Vernunft versus Gefühl.

 

Leben heißt Abschied nehmen.

Immer wieder.

 

 

Nach drei Tagen, mehr als 3.000 Höhenmetern und knapp 160 Kilometern, bei Temperaturen von fast 40 Grad im Schatten, erreiche ich am 3. Oktober gegen 17 Uhr mein Ziel Mae Sariang.

 

 

In Bangkok mit 98 kg Körpergewicht gestartet, zeigt die Waage bei meiner Ankunft jetzt nur noch 87 kg an.

 

Die Bergetappen zehren an meinen Käften und an meiner Substanz.

 

Manchmal denke ich, ich habe Fieber.

 

Aber es ist "nur" die Hitze. Das merke ich spätestens, wenn ich mich wieder in einem klimatisierten Zimmer regeneriere.

 

Vier Tage verbringe ich in der netten kleine Stadt am Fluss, esse, schlafe, schreibe und ändere meinen Plan.

 

 

Eigentlich wollte ich ja den ganzen Mae Hong Son Loop radeln, die schönste Motorradstrecke der Welt, mit mehr als 4.000 (!!!) Kurven auf 660 Kilometern.

 

 

 

Aber dann schaffe ich es nicht, bis nächste Woche in Chiang Mai zu sein.

 

Denn dort werde ich gemeinsam mit einem Bekannten etwas ganz besonderes feiern.

 

Der Mae Hong Son Loop kann warten...

 

 

 

 

NACHTRAG:

 

Heute habe ich via Facebook eine wunderbare Nachricht erhalten.

 

Er ist wieder am Checkpoint :-)

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