Das Fiasko beginnt... (Rückblick Mustang Tag 10)

Alles beginnt am Tage nachdem ich die beiden bisher höchsten Pässe meiner Tour, den Bhena La (3.860m) und den Yamda La (3.860m) nach sehr großen Strapazen, mehr schiebend als radelnd, letztendlich erfolgreich gemeistert habe.


Bergab, mein Bike schiebend und bremsend, hatte ich kurz vor Einbruch der Dunkelheit Syangboche La erreicht, das eigentlich nur aus zwei Gasthäusern besteht.

 

Wir hatten einen supergemütlichen Abend mit dem Besitzer, seiner Tochter und ein, zwei anderen Nepalis in der einigermaßen warmen Küche, die gleichzeitig auch der Gastraum war, um die offene Kochstelle herum sitzend verbracht. Dabei hatte ich wohl den einen oder anderen Raksi zu viel getrunken. Das falsche Regenarationsgetränk nach so einer unheimlich anstrengenden Etappe.

 


Guter Dinge starten wir am nächsten Morgen und sind bereits nach nicht einmal 30 Minuten auf dem Syangboche La (3.850m). Oben angekommen erklärt Ratna mir die Straße und geht selbst wieder eine Abkürzung. Unser nächster Treffpunkt ist der Nyi La (4.010m). Doch so weit sollte ich nicht kommen.


Oberhalb des Dorfes Ghiling steigt das Gelände sehr weitläufig an. Die Fahrspuren verzweigen sich immer mehr. Zu viele Varianten. Immer wieder versuche ich einen Überblick zu bekommen. Kurz vor einem Hof biege ich links ab, da ich denke, daß der rechte Weg am Hof endet. Ich schiebe schon wieder eine ganze Weile mein Fahrrad, an radeln ist nicht mehr zu denken. Zu steil, zu sandig oder zu steinig. Auf einer Anhöhe sehe ich Chhunggar Chorten.


Von dort aus sollte ich einen bessseren Überblick haben. Vielleicht ist der Weg bereits zielführend. Immer wieder halte ich an, überblicke die Landschaft, suche die richtige Spur. Kurze Zeit später drehe ich um. Zu groß ist meine Furcht, auf der falschen Spur unterwegs zu sein. Morgens um 9 Uhr? Vor was fürchte ich micht. Mein Innerstes muß mir da schon signalisiert haben: du kannst nicht mehr weiter. Der Vortag war zu anstrengend. Hat alle meine Kräft geraubt und durch den Alkohol konnte mein Körper nicht ausreichend regenrieren.


Also wieder ein Stück zurück. Dann doch Richtung Hof. Danach halte ich mich links. Rechts von mir, auf einem Parallelpfad, laufen die drei Russen, die mir seit Anfang der Tour immer wieder begegnen. Also bin ich richtig. Links sehe ich Jhaite. Ein Gasthaus. Vielleicht noch 1 km entfernt. Meter für Meter quäle ich mich weiter. 50 m vor dem Gasthaus muß ich mich für 5 Minuten hinsetzen. Schaue immer wieder zum Gasthaus. Reiß Dich zusammen. 50 Meter! Nur noch 50 Meter.


Irgendwie wanke ich in das Gasthaus, nehme ein Zimmer, lege mich hin und falle sofort in einen Ohnmachtsgleichen Schlaf. Gegen Nachmittag klopft es an meiner Tür. Ratna hat drei Stunden auf dem Pass auf mich gewartet. "Sorry, but i am that exhausted. I need sleep"...ist alles was er zu hören bekommt. Ich schlafe durch bis zum nächsten Morgen. Dann höre ich auf meinen Körper und entscheide mich für einen weiteren Ruhetag, den ich nur mit essen und schlafen verbringe.


Ich habe keine Termine. Mit niemand.


Am nächsten Morgen kann ich endlich wieder radeln. Bin frisch gestärkt und ausgeruht. Gegen 8:45 Uhr erreiche ich den Nyi La. Ratna kommt mir entgegen und möchte mein Rad die letzten 30 Meter schieben. Erstaunt reißt er die Augen auf. Er bekommt meine Reiserad fast nicht vom Fleck. "You are really a strong man"...ich glaube er versteht meine selbstgewählte Situation langsam...

 

Im Hintergrund kann man teilweise das Wegenetz sehen, an dem ich am Vortag unter anderem gescheitert war.

 

Oben auf dem Pass hat meinen einen wunderbaren Blick. So habe ich mir Mustang vorgestellt. Seltene Vegetation, ansonsten karges, wüstenartiges Hochland, darüber stahlblauer Himmel. Einfach beruhigend.


Nachdem wir uns sattgesehen haben, geht es runter nach Ghami, wo wir eine kleine Teepause einlegen. Danach trenne ich mich erneut von Ratna. Ich fahre die Piste, er nimmt den Pfad.


Kurz hinter Ghami offenbart sich mir dann die nächste Herausforderung. Übelste Geröllpiste wartet auf mich. Bis runter ins Tal zur Hängebrücke geht das so.



Der Weg stellt eine Herausforderung dar. Seit ein paar hundert Metern bin ich am kämpfen. Kindskopfgroße Steine und loser Untergrund fordern höchste Konzentration von mir. Doch es klappt alles ganz gut. Nur noch wenige Meter bis zur Talsohle und dann gehts über die Brücke. Ausgerechnet jetzt kommt ein weißer Jeep von unten angefahren. Bremsen, links ranfahren, anhalten.


Der Jeep arbeitet sich an mir vorbei bergauf. Mit einem Pedalkick starte ich, nehme sofort die Grundposition im Bike ein und bleibe kurz danach mit dem linken Pedal an einem großen Stein hängen. Wie in Zeitlupe falle ich langsam mitsamt meinem Reiserad nach rechts in die Steine. Gottseidank fahre ich keine Clickies mehr. Das ist die typische Situation um sich den Knöchel zu brechen. Doch zum ersten Mal nutze ich auf meiner Radreise Flatpedale von Syntace.


Langsam richte ich mich wieder auf. Spüre in mich hinein, ob ich Schmerzen habe. Fühle die Nässe meiner Kleidung von oben bis unten auf meiner rechten Körperhälfte. Schau an mir herunter und sehe etwas Blut an meiner Hose in Kniehöhe. Ein junger Hirte, der die ganze Szene beobachtet hat, kommt erschrocken auf mich zugelaufen. Will mir helfen. Doch ich beschwichtige ihn. Ich brauche keine Hilfe. Danke!

 

Nichts Tragisches, denke ich, und sitze bereits wieder auf dem Rad und starte. Doch plötzlich blockiert etwas. Ich trete gegen Widerstand. Wieder halte ich an und schaue nach unten. Als ich mein Kettenrad erblicke, schießt mir sofort ein Gedanke in den Kopf: das war´s! Aus und vorbei!

 

Das Kettenrad ist komplett verbogen und klebt förmlich am Rahmen.

 

Ich zeige es dem jungen Hirten. Der macht etwas, was ich selbst nicht in Bertracht gezogen habe. Mit bloßen Händen biegt er das Kettenrad notdürftig wieder in Form. Ich versuche eine Pedalumdrehung. Das Kettenrad streift immer noch am Rahmen. Der Hirte will wieder anpacken, doch ich kann das so nicht mitansehen, gebe ihm meine Langfingerhandschuhe. Der reißt sich ja sonst an den scharfen Zacken die ganzen Finger auf. Und tatsächlich! Er bekommt es einigermaßen hingebogen. Überschwänglich bedanke ich mich bei ihm. Er freut sich, zeigt aber im nächsten Moment besorgt auf meine Hose und meine Hand. Das ist nicht so schlimm, gebe ich ihm zu verstehen und verabschiede mich. Verarzten will ich mich an einem anderen Ort. Ein Stück oberhalb soll eine Arzstation sein. Da muß ich sowieso dran vorbei. Also trete ich in die Pedale. Keine Schmerzen. Gut so.


Ein Stück weiter oben treffe ich auf Ratna. Erschrocken hört er sich meine Neuigkeiten an, geht zur Krankenstation und kommt wieder zurück. Keiner da. Na dann werde ich mal selbst Hand anlegen.



Ganz ruhig setze ich mich hin, hole WC-Papier, eine Wasserflasche und Pflaster und fange an, die Wunden zu säubern.


Die abstehende Haut, rund um das Loch im Knie, schneide ich sauber mit einer Nagelschere ab. Es soll ja auch nach was aussehen ;-). Ratna wendet sich ab.


Wir verabreden uns für den nächsten Pass und weiter geht´s entlang der längsten Mani Wall Mustang´s hoch zum Tsarang La (3.870m).


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Kommentare: 2
  • #1

    Andrea (Samstag, 12 Dezember 2015 13:34)

    Hey....ein Indianer kennt kein Schmerz! Gelle?
    Pass auf dich auf und halte deine Wunden sauber.
    Liebe Grüße Andrea

  • #2

    Jürgen S. (Sonntag, 13 Dezember 2015 11:30)

    Als ich gelesen aber was du für ne Strecke durch Nepal vor hast war mir klar dass das ganz schön viele Schiebesessions gibt. Aber wenn dein Guide sagt du bist ein Strong Man ist das ja kein Problem. :-)
    Der Raksi ist eigentlich optimal zur Desinfektion der Verdauungswege. Hat bei mir wunderbar gewirkt. Allerdings ist die Einzelportion in Nepal ja schon deutlich größer als bei uns. Mehrere davon ... na hast ja selbst gemerkt.
    Gruß Jürgen

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