Beni - Kabre - Mustang by Freeride-Bike ? (Day 2)

An diesem Morgen kann ich bereits von meinem (Stunden?)-Hotel aus sehen, wie meine Reise weiter verläuft. Zunächst über eine Brücke, die die Kali Gandaki quert.

 

Die Kali Gandaki (Nepali: कालीगण्डकी, Kālīgaṇḍakī; deutsch: „Schwarze Gandaki“ wegen des dunklen Sedimentes) ist der rechte Quellfluss der Narayani (Gandaki), einem der vier großen Flüsse Nepals. Sie entspringt am Nordrand des Himalayas, in Mustang, ganz im Norden der Verwaltungszone Gandaki, an der Grenze zu Tibet. Dort wird der Fluss auch Mustang Khola genannt. Von dort fließt sie südwärts und durchquert den Hauptkamm des Himalaya. Damit bildet sie, flankiert von den 8000er-Gipfeln Dhaulagiri und Annapurna das tiefste Durchbruchstal der Welt.[2]

Kurz vor Austritt der Kali Gandaki aus dem Himalaya, vereinigt sie sich bei Ghumawune (Gandaki) mit dem Fluss Trishuli zur Narayani.

Über Jahrhunderte verlief entlang der Kali Gandaki eine wichtige Handelsroute zwischen Tibet und Indien, insbesondere für Salz und Reis. (Quelle: Wikipedia).

 

 

 

Zum Frühstück gönne ich mir am Busbahnof noch einen zuckersüßen Milchtee und beobachte die an- und abfahrenden Busse. Noch habe ich keine Ahnung was mich an diesem Tag erwarten wird, doch kaum habe ich Beni verlassen, ändert sich das schlagartig.



Genauso wie der Straßenbelag.


Sofern man von Straße oder Belag sprechen kann.


 

Zu Anfang sehe ich das Ganze noch als interessante Herausforderung, halte an richtig üblen Passagen an und suche eine fahrbare Linie. Von Ideallinie gar nicht zu sprechen. Doch je länger ich unterwegs bin, umso mehr wird mir klar, daß die Straße, die keine Straße ist, wohl meine Tagesprüfung darstellt.


Im ersten Dorf namens Galeshwar nehme ich die Abkürzung durch die Ortsmitte. Erspart mir einen ersten kleinen Anstieg, beschert mir dabei aber so etwas wie Kopfsteinpflaster, nur mit spitzigen Steinen und ungläubige Blicke der Einheimischen.


Nach einer guten Stunde lege ich die erste Teepause ein. Ein älteres, nepalesisches Paar läuft adrett gekleidet an mir vorbei, während ich einen weiteren nepalesischen Milchtee genieße. Die haben auch noch ein Strecke vor sich, denke ich mir. Zu Fuß, wohlgemerkt. Bis Beni. Es ist schon bemerkenswert, welche Strecken Menschen in armen Ländern auf diese Weise zurücklegen.


Da ich kein richtiges Frühstück hatte, kaufe ich noch drei kleine Bananen und vertilge sie direkt an Ort und Stelle. Weiter geht der Kampf, der erst am Abend enden sollte.


Die Landschaft und der Streckenverlauf ist kurzweilig. Meist sehe ich nur bis zur nächsten Biegung und bin jedesmal gespannt, wie es danach weitergeht. Schaffe ich die vor mir liegende Steigung noch? Doch je länger ich unterwegs bin, umso mehr wird mir klar, daß ich mich Stunde um Stunde erfolgreich vorwärts bewege. Der Weg ist das Ziel und jeder Meter vorwärts zählt.

 

Gerade vormittags liebe ich es fast stündlich eine Teepause einzulegen. Als Belohnung sozusagen. Habe ich ein gemütliches Lokal gefunden, stelle ich mein Rad in Reichweite ab, hole die Karte raus, lege die Beine hoch auf den Gepäckträger und freue mich, wie weit ich schon gekommen bin. Ab und zu leistet mir dann eine nette Lady Gesellschaft ;-). Die Dame in rot ist sichtlich stolz auf ihren Schreibstift und freut sich auf die Schule.

Obwohl oder gerade weil es hin und zurück ein stundenlanger Weg ist?


Weiter geht es. Vor mir wird immer wieder gehupt, das hupen kommt näher. Zügig suche ich mir links eine kleine Bucht oder einen großen Stein, auf dem ich meinen linken Fuß abstellen kann. Gegenverkehr in Form von Bussen, Jeeps oder Ziegenherden zwingen mich immer wieder zu kleinen Stopps. Später wird mir erzählt, daß viele der Ziegenherden aus Tibet (1950 durch China annektiert) das Tal heruntergetrieben werden. Die Hirten genießen dabei Sonderrechte und benötigen anscheinend keinen Reisepass.


Ab und an macht mich auch ein klappern am Rad darauf aufmerksam, daß es mal wieder an der Zeit ist, Schrauben nachzuziehen. An diesem Morgen leistet mir dabei ein alter Nepalese geduldig Gesellschaft. Wenn ich das richtig deute, war der Plan seiner betagten Frau eher der Gang ins Dorf. Aber nach und nach findet auch sie Gefallen an meinen Werkzeugen, an meinem Schraubentütchen und vielleicht auch an meiner Geduld, denn nach Jahren bin ich jetzt endlich so weit, alles um mich herum auszublenden. Auf meiner ersten Reise hätte mich das noch wahnsinnig gemacht. Mittlerweile finde ich es witzig und nicht selten wird mir dann noch die Arbeit abgenommen oder ich bekomme den einen oder anderen Ratschlag. Von armen Menschen kann man das Improvisieren lernen ;-).

 

Am späten Vormittag stehe ich vor einer neuen Aufgabenstellung. Die kurze, aber steile Passage vor mir ist nicht mehr fahrbar. Wie immer versuche ich, so weit wie möglich zu pedalieren, aber ein kleiner Fehler, ich komme aus dem Tritt und Anfahren ist nicht mehr möglich. Das bedeutet immer auch, daß der Puls kurz richtig nach oben schnellt, um sich danach wieder in normalen Regionen einzupendeln. Also schieben. Das wird spannend, denke ich. Ist jetzt nicht das, was ich schon tausend Mal gemacht habe. Das Blöde dabei ist, man kann keine großen Schritte machen, da man ja sonst hinten an die Packtaschen stößt. Man läuft praktisch nicht neben sondern im Bike. Aber auch da sollte ich die nächsten Tage noch ausreichend Übungs- und Optimierungsmöglichkeiten bekommen.

 

Was ich nicht mehr weiter groß üben werde, ist Andere zu grüßen. Bei uns in den Bergen, zumindest in den Alpen, grüßt eigentlich Jeder Jeden.

 

Gut, daß es auch bei uns genug Herrschaften gibt, die es nicht nötig haben - geschenkt.

 

Aber daß das hier in Nepal so auffällig ist, stimmt mich schon nachdenklich.

 

Vor allem meine Freunde die Backpacker und Trekker. Glotzen und nicht Grüßen. Okay, ich bin der einzige Reiseradler, der bergauf Richtung Mustang unterwegs ist in diesen zwei Wochen. Aber ist das ein Grund, nicht mal kurz "hello" zu sagen? Ganz besonders fällt mir das bei wandernden Pärchen auf. Schaut sie noch interessiert, ignoriert er mich komplett. Es ist zum totlachen...

 

Was für arme Kreaturen. Vielleicht kotzt es sie auch einfach nur an, auf einer Jeep- und Buspiste "wandern" zu müssen, denn da, wo seit 2008 die "Straße" Richtung Jomsom verläuft, befand sich früher ein Teil des Annapurna Circuits in Form eines Wanderwegs. Der Annapurna Circuit kann von durchschnittlich akklimatisierten und konditionell vorbereiteten Trekkern in 18 bis 21 Tagen begangen werden und gilt als eine der schönsten und abwechslungsreichsten der Welt. Der größte Teil der Strecke führt durch das Gebiet des Annapurna Conservation Area Project (ACAP), dem ersten und größten Landschaftsschutzgebiet Nepals.[1].

 


Dann, bei einer kurzen Rastpause, die erste Begegnung mit entgegenkommenden Mountainbikern. Da ich mich hinter einer Felsnase, neben der Straße befinde, werde ich nicht gleich vom nepalesischen MTB-Guide entdeckt, der kurz vor mir abbremst, um auf seine Gruppe zu warten. Als er mich entdeckt, grüßt er freudig überrascht. Der erste westliche Mountainbiker tut es ihm gleich. Der Rest der Gruppe mit gut 8 Teilnehmern versucht verbissen Strecke zu machen. Sieht für mich jetzt weder flowig noch spaßig aus.


Vor meiner Reise hatte ich auch mit dem Gedanken gespielt, eine Freeridetour von Mustang runter zu buchen. Das, was ich die nächsten Tage dann zu sehen und hören bekomme, bestätigt mich im Nachhinein darin, es nicht getan zu haben.


Für mein Gefühl besteht derzeit noch eine zu große Kluft bezüglich meinem Verständnis von Freeriden in Europa und dem in Nepal.


 

Dazu ein paar Eindrücke:

 

  • gefühlte 80 bis 90% der Biker waren mit Clickies unterwegs
  • trotz entsprechender Hinweise, Rücksicht auf die Bevölkerung zu nehmen, war der größere Teil der Biker und Bikerinnen in Lycas gekleidet
  • Leihbikes mit 2.00" Bereifung im Hochgebirge !
  • Viele der Biker hatten größte Mühe auf der Straßenpiste abwärts zu fahren, die ich mit dem Reiserad bergauf bewältigt habe !
  • Leihbikes mit zu wenig Federweg und ohne Scheibenbremsen

 

Fazit:


Gerade in Upper Mustang habe ich "Lines" und Trails gesehen - vom Allerfeinsten.

 

Für meinen Geschmack hat sich zu viel auf der Bus- und Jeeppiste abgespielt und dort war es die meiste Zeit ein auf und ab - sprich: viele Gegenanstiege. Meist nur kleine Passagen, aber Flow kann da nicht aufkommen.


Das war jedoch nur der Ausschnitt, den ich mitbekommen habe. Ich kann also falsch liegen mit meiner Einschätzung.


Will heißen: schaut Euch genau an, bei wem ihr was für eine Tour bucht und versucht herauszufinden, wer mit Euch unterwegs sein wird.


Ganz wichtig wäre für mich, DAS EIGENE Mountainbike MITZUNEHMEN!

 

Macht dann 15 von 30 kg Freigepäck aus, aber versucht Euch mal einzuschränken ;-)...klar, der Blume wieder, der Möchtegern-Minimalist...

 

Nein, im Ernst: wenn ich sehe, daß manche Touris hier zwei Porter benötigen, die ihnen Ihr Hab und Gut hinterhertragen, nee, da krieg ich echt ne Meise...

 

In Tatopani angekommen, fahre ich in fast schon typischer Reiseradlermanier am dortigen Checkpoint einfach vorbei. Prompt werde ich höflich gebeten anzuhalten und mein ACAP (Annapurna Conservation Area Project) Permit vorzuzeigen.

 

Blöd ist nur, daß ich keins habe. Das liegt nämlich noch in Kathmandu oder ist mit meinem Guide auf der Reise nach Jomsom, unserem Treffpunkt, unterwegs.

 

Eine Erklärung muß her. Oder ein neues Permit ist fällig. Nach kurzer Diskussion erklärt sich der nette Nepalese bereit, meinen Travel Agent und Freund Nakul anzurufen. Der gibt ihm meine Permitnummer durch, diese wird in ein Buch eingetragen und schon darf ich weiter.

 

Ist ja kinderleicht, denke ich und ahne noch nicht, was mich am nächsten Checkpoint in Ghasa morgen erwarten wird...

 

Der Tag vergeht wie im Flug, ist anstrengend und kurzweilig, macht Spaß und bringt mich weiter. Streckenmässig und menschlich.


Das Tagesziel mit 32 km ist irgendwann erreicht und ich bin platt wie eine Flunder. Neben dem einzigen Guesthouse weit und breit lasse ich mich auf einen Tee nieder. Matt aus Australien, der hier geführte Motorradtouren anbietet, kommt auch gerade mit seinem Kumpel aus England vorbei und stoppt auf ein Bier.


Kurzer Plausch und schon setzen die Beiden ihre Fahrt fort. Keine zwei Minuten später bin ich froh, daß ich noch kein Bier zur Feier des Tages getrunken habe, denn das vermeintliche Guesthouse will mich nicht beherbergen. Ich muß doch noch ein Stück weiter.


Sind nur noch ein paar hundert Meter. Ich mag solche Ansagen nicht, denn meist sieht die Realität ganz anders aus. So auch hier und jetzt. Übelste, steile Piste liegt vor mir und ich habe echt keine Kraft mehr. Zwei Jungs haben Mitleid mit mir und fangen an zu schieben. Irgendwann übernehmen sie voller Ehrgeiz das ganze Bike. Sie kennen mein Ziel. Das Guesthouse gehört ihrem Onkel. Endlich sind wir da. Zumindest in Sichtweite.


Nee, denke ich...die Packtaschen abbauen und mindestens dreimal rauf und runter...nee, das schaff ich nicht mehr...

 

Die Jungs verstehen meine Zweifel nicht. Es ist schon fast peinlich, aber wenn ich richtig fertig bin, bin ich nur schwer zu motivieren.

 

Irgendwann haben sie mich verstanden. Und ich sie. Es gibt eine Alternative. Als Abkürzung stellt sich die dann aber nicht heraus. Zunächst folgen wir der Straße noch ein wenig abwärts und als ich denke, ich könnte jetzt ebenerdig zum Gasthaus rollen, fällt rechts ein Weg ziemlich steil ab und mündet dann in einen aufwärts führenden Pfad. Na prima. Es wird noch anstrengender als gedacht. Der Pfad ist so eng, daß ich mehrmals mit meinen Pedalen und Packtaschen in dem verwinkelten Gelände an Felsen hängen bleibe. Endlich stehen wir vor dem Guesthouse. Das Zimmer kostet 100 Rupien. Nicht mal 1 Euro. Doch noch liegt der Weg zum Zimmer vor mir. Weitere 15 Naturstufen bergauf und wieder 20 bergab. Auf Felsplatten 20 Meter geradeaus und wieder 12 Felsstufen hinauf. Nach weiteren 30 Metern stehe ich vor einer Steinhütte. Die Jungs haben mir mein Gepäck mit Freude hinterhergetragen. Der größere von Beiden schließt die Türe auf. Ich betrete mein neues Reich. Wow!

 

Als praktisch Wohnsitzloser (ich habe nur noch eine Postadresse) freut man sich über jede Unterkunft. Und die hier hat was ganz Spezielles. Sie gehört mir allein, zumindest für diese Nacht.


Zahlen:


ca. 1.000 Höhenmeter


32 km


Ach ja, ihr wußtet das mit meiner Wohnsitzlosigkeit noch nicht ?

 

Doch.

 

Selbstgewählt habe ich diesmal vor meiner Abreise auch meine Wohnung gekündigt und den Großteil meiner Möbel entsorgt.

 

 

Guess what?

 

Es fühlt sich richtig gut an.

 

Ich vermisse nichts.

 

 

 

Ich bin ein freier Mann.

 

 

 

Mut?

 

Nein.

 

 

 

Notwendigkeit um gesund und fit zu bleiben und zu leben.

 

Wortwörtlich.




Gemäß dem Motto:

 


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Kommentare: 3
  • #1

    stefan (ostfldern) (Mittwoch, 04 November 2015 09:22)

    Hi lonely wolf,
    a fucking amazing trip...
    erhole dich gut....;-)

    Grüßle
    Stefan =)

  • #2

    Mr.Bean (Mittwoch, 04 November 2015 09:41)

    Hey Stefan,

    danke. Bin dabei. Das Leben zu geniessen. Zu schlemmen. Zu schlafen. Zu meditieren. Zu reflektieren. Zu fühlen.

    Saugut :-)))

  • #3

    stefan (Ostf.) (Mittwoch, 04 November 2015 12:50)

    Hi Dirk,
    das hört sich wirklich gut an und freut mich.....:-),
    - bin regelmäßig noch bei Repa......es ist gut sich mit der "inneren Welt zu beschäftigen"...you know it.

    take care mate.
    Stefan =)

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