14. März 2015 - Vor Gericht - IDC Bangkok (Rückblick)

Eine unbequeme Nacht liegt hinter mir. Nachdem ich irgendwann in meiner ersten Nacht im IDC-Bangkok Gefängnis einen Platz auf einer dünnen Wolldecke entdeckt und eingenommen hatte, war ich eingeschlafen. Im Laufe der Nacht wache ich immer wieder auf, weil sich entweder der verrückte Engländer oder Patrick, der Pakistani, im Schlaf auf meine Seite drehen, was automatisch zu unbewußten Platzbeanspruchungen führt. Der, der mehr wach ist, behält dann die Oberhand.

 

Gegen 7:30 Uhr ist die ganze Zelle wach, es gibt Frühstück. Jeder bekommt eine Blechmenüschale. Das ist ein Art Teller mit zwei unterschiedlichen Vertiefungen. Im Laufe der nächsten Tage werde ich feststellen, daß das Essen wirklich abwechslungsreich und gesund ist. Morgens, mittags und abends gibt es Reis und eine Art gekochte Gurke. Mit etwas undefinierbarer grünbrauner Suppe oder Soße. Das war´s.

 

Patrick ist ein richtig netter Kerl. Schnell werden wir Freunde. Überhaupt nehme ich die Stimmung heute morgen ganz anders wahr wie gestern, als ich in die Zelle kam.

 

Keine Spur von Gewalt oder Bedrohungen. Die Grundstimmung ist solidarisch. Dadurch, daß ich mir in der Nacht den Platz zwischen Patrick und dem Engländer gesichert hatte, bin ich in die zweite Hierarchieebene gekommen. Patrick erzählt mir seine Geschichte als verfolgter Christ in Pakistan. Nach und nach spreche ich mit den anderen Schwarzafrikanern. Alle scheinen relativ entspannt. Von Patrick erfahre ich auch, daß wir wohl heute noch vor Gericht kommen werden.

 

Etwas später müssen alle Neuinhaftierten des Vortags aus der Zelle und im Innenhof antreten. Man macht Fotos von uns. Irgendwann später am Vormittag werden Patrick, der nigerianische Zellenchef, einer seiner Freunde und meine Wenigkiet erneut aus unserem neuen Zuhause vor das Gebäude geführt.

 

Zuvor werden die beiden Nigerianer noch an den Handgelenken aneinandergekettet. Zu meiner Überraschung bekommen wir unsere Smartphones ausgehändigt.

Vor dem IDC Gefängnis wartet bereits ein luftiger, aber vergitterter Gefängnistransporter auf uns. Quer durch Bangkok geht es in brütender Hitze Richtung "Court" (Gericht).



Als wir vor einem Staatsgebäude halten, fährt neben uns ein Moped vor. Hinten drauf sitzt ein hübsches Mädel. Die Nigerianer flirten mit ihr. Sie kommt näher und unterhält sich mit den Beiden. Da kommt ein zweites Moped. Einer der Nigerianer bekommt Schwierigkeiten mit dem Mädel auf dem zweiten Moped. Sie ist wohl seine "richtige" Freundin und hat wahrscheinlich die Geschichte mit der anderen Hübschen in den falschen oder richtigen Hals bekommen. Die Nigerianer führen ein Telefonat nach dem anderen. Versuchen Geld zu besorgen. Ab und an wird der Gesprächspartner am anderen Ende bedroht.

Ein Polizist, der den Parkplatz vor dem Gebäude bewacht, wird auf uns aufmerksam. Er kommt auf unser Gefährt zu und fragt ob wir Durst hätten. Logisch, bei der Hitze! Kurz darauf kommt er mit kleinen Wasserflaschen zurück. Mit Hilfe eines Strohhalms trinken wir gierig die Fläschchen leer.


Dann geht es weiter. Ich kenne die Gegend. Ein paar Ecken und Straßen später sind wir wieder da, wo ich mich tags zuvor freiwillig als Illegaler gestellt hatte. Der Begleitoffizier geht mit mir in das riesige Gebäude. Wir suchen verschiedene Räumlichkeiten auf. Ich hoffe auf ein abgeschlossenes europäisches WC und werde enttäuscht. Keine 5 m weiter sitzen ein paar thailändische Beamte im gleichen Raum, in dem man eine halboffene Toilette gemauert hat. Meine thailändischen Vorgänger pinkelten abwechselnd aneinander gekettet an gleicher Stelle...

Irgendwann erreichen wir den Gerichtssaal. Kein Richter weit und breit. Zwei oder drei Stunden warten wir auf ihn. Im Nebenzimmer geht es hoch her. Irgendwas wird dort gefeiert. Ich nutze die Gelegenheit und lade mein MacBook und mein iPhone in der Ecke.

 

Beiläufig sage ich zu meinem bis dahin sehr netten Begleitoffizier, was mir in diesem Moment durch den Kopf geht:

 

"It´s funny, that i am sitting here in front of the court and the piece of paper we are talking about is not here...".


"You do not have your passport with you?" fragt der Offizier?


Ich traue meinen Ohren nicht und bin sofort auf 180.


"You took my passport yesterday away from me.!" antworte ich und bekomme als Antwort ein schwammiges "no".


Unfassbar. Nun ist auch noch mein Pass weg.

 

Kurz bevor der Richter endlich kommt, werde ich gebrieft: "you have to stand up and if i give you a sign you have to say yes!"

 

Der Film, in dem ich der unfreiwillige Hauptdarsteller bin, wird immer schlechter.

 

2008, als ich im Iran verhaftet wurde, hatte man mir nach einem vierstündigen Verhör ein Dokument in Farsi vorgelegt, mit der Bitte es zu unterzeichnen.

 

Damals hatte ich gesagt: "i will not sign this document, because that could be my sentence to death".

 

Die Iraner hatten kurz überlegt und mich gefragt, wie man das Problem lösen könnte. Mein Vorschlag wurde damals akzeptiert. Der Dolmetscher sagte mir in englischer Sprache, was er in Farsi geschrieben hatte und ich formulierte es dann so, wie ich es unterschreiben würde. Damals hatte man eine Panzerhaubitze auf einer meiner Fotos gefunden, das ich morgens gemacht hatte, als ich zufällig in der Wüste in ein Art Manöver geraten war. Anschließen wollte ich auf einer Anhöhe ein Video der gigantischen Landschaft drehen. Dummerweise waren direkt vor und unter mir militärische Einrichtungen.

 

Doch zurück nach Bangkok. Endlich kommt der Mann des Gesetzes. Vor mir werden noch die beiden Thais, die auch die Toilette benutzt hatten, verurteilt.

 

Mein Name wird aufgerufen. "Yes." Danach wird ein kurzes Statement auf thailändisch vorgelesen. Immer wenn mein Offizier es mir andeutet, sage ich "yes." Der Spuk namens Gerichtsverhandlung ist schnell vorbei. Der Spaß kostet mich 7.000 Baht (ca. 170 €).

 

Meine Mithäftlinge sind froh, als wir endlich wieder zurück sind. Die ganze Zeit mußten sie in der prallen Mittagshitze im Gefängnistransporter sitzend warten.

 

Patrick, der Pakistani, muntert mich wieder einmal auf. Als wir wieder in unserer 20 qm Zelle sind, sagt er:

 

"Tomorrow you will come to the first floor. It is much more better there and on monday you will fly home."

 


 

Tatsächlich erwartete mich der schlimmste Platz, an dem ich je gelebt habe.

 

Zwölf Tage lang.

 

Aber ich bin wenigstens wieder rausgekommen, im Gegensatz zu Anderen...

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