13. März 2015 - die erste Nacht im IDC Gefängnis

"No, i don´t like Hitler" antworte ich.

 

Falsche Antwort.

 

"But i like Hitler! I´ve read his book. He was a good guy, Hitler was a good guy" antwortet der Nigerianer, der rechts aus dem Halbdunkel auf mich zugekommen und bereits absichtlich in meine intime Distanzzone eingedrungen ist, um mich einzuschüchtern. Sein Kopf ist so nahe an meinem, daß ich automatisch zurückweichen möchte. Geht aber nicht. Ich stehe schon in der Ecke. Links die Wand. Hinter mir die Zellentür, durch die ich soeben meine neue Bleibe betreten haben.


"Why are you here in prison?" ist die nächste Frage des Zellenchefs. Während ich versuche, mir einen Überblick über die Lage in dem knapp 4 x 5 m großen Raum zu verschaffen, erzähle ich ihm eine Kurzversion meiner Story. Alle im Raum lauschen meiner Geschichte. Ein zweiter muskulöser Nigerianer hat sich an die Seite des ersten positioniert. "You´ve cycled all that way from Bangkok to Mae Sot and Myanmar?" werde ich ungläubig gefragt. "Yes, i did - of course...". Das verschafft mir den nötigen Respekt.

 

"Where are you from?" stelle ich meine erste Gegenfrage. "Nigeria!!!" - "We are from Nigeria" sagt er mit großem Stolz "You know Boko Haram? That´s why i left my country. I am a soldier. I´ve killed a lot of people."

 

Während ich ihm zuhöre, versuche ich mir einen Überblick über die Situation in der Zelle zu verschaffen. Zunächst sehe ich nirgendwo einen freien Platz auf den weißen Bodenfliesen. Rechts erkenne ich ein paar der somalischen Männer wieder, die mit mir zuvor Erkennungsdienstlich behandelt wurden. Links vor mir liegt ein Mensch mit dem Rücken zu mir am Boden. Dahinter scheint ein wenig Platz zu sein. "Okay, you can look for space to sleep" sagt der Nigerianer zu mir.

 

Wieder wandert mein Blick zu dem Mann, der keine zwei Meter entfernt, mit dem Rücken zu mir, am Boden liegt. Seine Arme und Beine sind völlig abgemagert. Wie tot liegt er da und rührt sich nicht. Als ich vorsichtig zu seinen Füßen an ihm vorbeigehe, wird mir klar, warum neben ihm etwas Platz ist. Seitlich liegend versucht er gerade in eine abgesägte Plastikwasserflasche zu urinieren. Dann kommt etwas Bewegung in seinen Körper. Er versucht seine Oberkörper anzuheben, was ihm kaum gelingt. 30 cm vor ihm liegt eine Plastiktüte. Mit letzter Kraft versucht er zu husten und seinen Auswurf in der Tüte zu platzieren. Die Pfütze vor ihm beweist, daß ihm das nicht immer gelingt.

 

Ich gehe weiter und setze mich direkt an die gekachelte Wand, die unseren Raum vom Nassbereich trennt.

 

Auf dem Standbild des Videos sieht man diese kurze Wand, vor der der Mann mit dem weißen T-Shirt sitzt. Das Video selbst habe ich im Netz gefunden. Es handelt sich um genau die Zelle, in der ich mich die ersten beiden Nächte befunden habe. Der Nassbereich scheint im Video neu oder blitzeblank geputzt. Die Wirklichkeit sah signifikant anders aus. Lediglich eines der drei Stehklos konnte genutzt werden. Die beiden anderen Toiletten waren voll behängt mit irgendwelchen Konstruktionen zum trocknen von Kleidern oder wurden als Ablageort genutzt.

Als Türe diente ein großes Brett, mit dem man das Stehklo notdürftig verrammeln konnte, um etwas Privatsphäre bei der Verrichtung der Notdurft zu haben.

 

Man hat mir erlaubt, eine Packtasche mit den wichtigsten persönlichen Dingen mit in die Zelle zu nehmen. Ich positioniere die Tasche hinter mir und versuche zu realisieren, wo ich hier gelandet bin. Mein Verstand rebelliert. Ungläubig schaue ich in die Runde. Da ist noch ein Weißer. Ein Mann, der die sechzig Jahre schon deutlich überschritten hat. Unrasiert. Nackter Oberköprer. Er scheint zu fantasieren. Führt Selbstgespräche. Versucht von Zeit zu Zeit aufzustehen, ist aber fast zu schwach dafür. Dann steht er irgenwann mitten im Raum und faselt kaum hörbar etwas vor sich hin. Der Blick ist irgendwo in einer anderen Welt.

 

Nach ungefähr einer viertel Stunde kommt der andere Nigerianer zu mir und stellt sich als Emeka vor. Schnell merke ich, daß Emeka ein "Guter" ist. Er erklärt mir, wie das hier drin funktioniert und wer, warum inhaftiert ist. Die beiden Bilder zeigen Emeka im "richtigen Leben". Wir stehen über Facebook in Verbindung. Er arbeitet wieder als Berater in Lagos Nigeria, wie er mir geschrieben hat.

 

Neben der Zellentür schlafen die beiden Nigerianer und noch drei andere Schwarzafrikaner. Sie haben den meisten Platz. Ein schmaler Thai hat seinen Bereich direkt bei ihnen. Bei ihm kann man Lebensmittel und Getränke kaufen. Dann kommt Patrick, ein verfolgter Christ aus Pakistan. Neben ihm liegt der verrückte Engländer, der dauernd redet, den aber keiner versteht. Der müßte schon lange raus aus der Zelle, sagt Emeka, der braucht ärztliche Hilfe. Links vom Engländer liegen die vier Somalis. Der, der den Faustschlag ins Gesicht bekommen hat, ist auch dabei. Dann sind da noch ein Vietnamese, ein Laote und zwei Chinesen. Der, der halbtot am Boden liegt und alle halbe Stunde versucht in die Plastiktüte zu spucken, ist ein Burmese. Er scheint schwer krank zu sein. Emeka erzählt mir, daß wohl ein thailändischer Arzt da war, aber die Zelle gar nicht betreten habe. Er habe den Burmesen nur durch die Gitterstäbe hindurch angeschrien und sei dann wieder gegangen. Ich will es nicht glauben. Der Mann braucht dringend ärztliche Hilfe. Ich habe die Befürchtung, daß er die Nacht nicht überlebt.

 

Über den Gitterstäben hängt ein riesiger Flachbildschirm. Na bravo, dann kann ich der Fernsehfolter nicht mehr entkommen.

 

Nachdem Emeka wieder zu seinem Platz zurückgegangen ist, stehe ich auf und inspiziere den Nassbereich. Danach ist mein Entschluß klar. Da, ich mit Stehklos nicht umgehen kann und hier auch nahezu keine Privatspähre existiert, werde ich die Sache ganz einfach lösen, in dem ich das essen einstellen werde. Mein persönlicher Hungerstreik sozusagen. Als stiller Protest gegen diese inhumanitären Bedingungen. Meine Logik ist ganz einfach. Wenn ich hier nur rumsitze und rumliege, dann verbrauche ich auch kaum Kalorien. Und wer nicht isst, muss auch nicht kacken. So einfach ist das.

 

Eine ganze Zeit später verrammele ich eines der Stehklos und gehe "duschen". Mit kleinen Plastikschüsseln schöpfe ich Wasser aus einem Eimer und gieße mir das Nass über den Kopf. Herrlich.

 

Später wird der Nassbereich von dem kleinen Thai als geschlossen erklärt, damit die Nigerianer in Ruhe duschen können.

 

Irgendwann wird der Fernseher von außerhalb abgeschaltet. Nun ist offiziell Nachtruhe angesagt. Ich versuche auf den nackten Fliesen einzuschlafen und schaue sehnsüchtig zu den Afrikanern, die wenigstens eine dünne Decke unter ihren Körpern liegen haben.

 

Irgendwann nachts ist dann auch meine Zeit gekommen. Patrick, der Pakistani dreht sich im Schlaf zu den Nigerianern und die Häfte seiner Decke wird frei. Ich nutze die Chance, stehe auf und lege mich zwischen ihn und den verrückten Engländer.

 

Es wird dunkel in meinem Kopf.

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