Rücklick: 12. März - meine Verhaftung in Bangkok

Mein Kumpel Dille, bei dem ich in der Sukhumvit Road in Bangkok übernachtet habe, ist schon zur Arbeit unterwegs, als ich gegen 8 Uhr aufstehe. Am Abend zuvor hatten wir noch meinen Reisepass gescannt und ausgedruckt. Wie vereinbart, versuche ich die deutsche Botschaft telefonisch zu erreichen. Vergeblich. Ich schreibe eine E-Mail und schildere meinen Fall.

Danach packe ich mein MacBook, mein iPhone, die Kopien des Reisepasses, einen Stapel Passfotos, meine letzten Baht und was mir sonst noch wichtig erscheint und versuche die Wohnung oder besser gesagt, den Hochsicherheitstrakt, meines Freundes zu verlassen. Er hatte mir das auch alles in der Nacht vorher noch erklärt, aber dafür war wohl in meinem Hirn zu der Zeit kein Platz. Jedenfalls werde ich schier wahnsinnig ob der Vorstellung, daß man eine Tür nicht einfach durch aufschließen und Klinke drücken öffnen kann und mit der Chipkarte komme ich überhaupt nicht klar. Ich weiß nicht, was ich alles probiere, bis "endlich" die Alarmanlage losgeht. Das bringt mich völlig aus der Fassung. Wochenlang da draußen unterwegs zu sein und dann wieder in so einem Betonbunker - und mag er noch so "schön" sein - das ist zuviel für mich. Hilflosigkeit wird von Panik abgelöst. Die Sirenen sind unerträglich für meine hochsensitiven Sinne. Plötzlich geht die Schlafzimmertür auf und seine Frau schaut mich verschlafen an. Ein Griff und die Wohnungstüre ist offen. Dann zum Aufzug. Kaum bin ich drin, geht die Tür zu und wieder wird irgendetwas von mir erwartet, an das ich mich nicht mehr erinnere. Was ich auch probiere, es funktioniert nicht. Es dauert aber auch nicht lange, dann geht auch noch das Licht aus. Klaustrophobie ergreift mich. Ich fange an zu schreien und zu toben. Ich hasse diese Technik! Plötzlich meldet sich eine Stimme aus dem Aufzugslautsprecher und will wissen, ob man mir helfen kann. Ja, kann man! "Open that fucking door!" schreie ich nur und schlage gegen die Wände.

 

Im Erdgeschoss angekommen, verlasse ich wutentbrannt den Aufzug und kann mich nur mit Mühe und Not beim Security-Mann für seine Hilfe bedanken um direkt im Anschluß weiter lauthals fluchend das supersichere Gebäude zu verlassen.

 

Wieder kommt mir der Spruch ins Gedächtnis:

 

"Eigentum ist immer eine Gefahr;

es lockt Diebe an.

Es macht erpressbar.

Es will beschützt werden.

Es macht krank, ambivalent, schizophren, weil man es verstecken MUSS und zeigen WILL."

 

Gut 30 Kilometer liegen vor mir. Innerhalb der Stadtgrenzen von Bangkok wohlgemerkt. Nach gut einer Stunde mache ich eine Pause, trinke einen Eiskaffee und checke meine Mails. Baff erstaunt registriere ich, daß ich bereits eine Antwort der deutschen Botschaft bekommen habe. Kurz und knapp: "Bitte setzen Sie sich mit der thailändischen Immigration Behörde in Verbindung und versuchen Sie gemeinsam eine Lösung zu finden". So, oder so ähnlich. Sinngemäß. " Wir können Ihnen nicht helfen".

 

Ich liebe Klarheit. Also weiter geht´s. Kurz nach 12 Uhr komme ich am Bangkok Immigration Office an. Mittagspause bis 13 Uhr. Ich schließe mein Reiserad vor dem Hintereingang des Riesengebäudes an und gehe ins Innere, wo geschätzte 150 Leute bereits warten. Na prima!

 

Vor der Türe, die ich passieren muß, stehen nicht so viele Leute. Vor mir vielleicht 30. Aber das ist ja auch schon was. Kurz nach 13 Uhr kommt dann Bewegung in die Menge. Die Türe geht auf - und - alle dürfen rein! Die meisten wissen wohl was sie wollen und vor allem wie sie das bekommen. Schnell komme ich dran, schildere an einem Schalter meine Situation und bekomme ein Formular ausgehändigt. Scheint ja doch nicht so schwierig zu sein, meine Lage, wenn es schon Formulare dafür gibt...

 

Das ausgefüllte Formular gebe ich zusammen mit meinem Reisepass ab. Daraufhin darf ich in einem großen Wartesaal Platz nehmen. Ich wähle die erste Reihe und finde mich inmitten von unzähligen Menschen anderer Nationalitäten wieder. Schnell komme ich mit einem sehr netten Jemeniten schräg hinter mir ins Gespräch. Wie gerne würde ich eines Tages mit dem Rad durch dieses Land vagabundieren und vor allem die sagenhafte Stadt Sana´a sehen. Doch wenn selbst er mir abrät? Einfach zu gefährlich.

 

 

n Indianer etwas wichtiges vorhat, dann verspricht er seinem Pferd, es mit Erdfarben zu bemalen, wenn es ihn unterstützt, sodass alle sehen können, wie sein Pferd ihm geholfen hat"
Brave Buffalo (Ende 19.Jh.) ...Medizinmann der Teton Sioux...
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Die beiden Offiziere beraten und organisieren einen Pickup. 20 Minuten später brechen wir auf. Der Pickup wird zum Hintereingang bestellt. Als wir das Gebäude verlassen, entdeckt der Offizier mein Bike. "Is that yours?". "Yes", sage ich, schließe das Schloß auf, setze mich aufs Rad und fahre an dem Offizier vorbei Richtung Pickup um im letzten Moment nach rechts weg abzubiegen. "Bye" rufe ich und grinse. Ungläubig schaut mir "Offizier" nach. Ich halte, drehe bei und grinse: "it was a joke ;-)"
   

Gut eine Stunde lang quälen wir uns durch den Abendverkehr von Bangkok. Die beiden Polizisten sitzen vorne und ich hinten auf der Rücksitzbank. Alles easy, denke ich. Wäre auch ein bischen viel gewesen,  jetzt noch bei Dunkelheit die 30 km zurückzufahren. Dann sind wir da. Eine Straße wie jede andere. Unscheinbare Gebäude. Wir fahren in einen Art Hinterhof. Halten an. Entspannte Atmosphäre. Gemeinsam laden wir mein Bike ab. Auf meine Nachfrage hin, schließe ich es vorerst an einen Betonpfeiler an. Dann geht es auf eine Art offene Betonplatform. Ich merke auf.

 

Vor mir sitzen ca. 20 Afrikaner auf dem Boden. Somalis. Sie sitzen da nicht freiwillig, das wird mir sofort klar. Thais stehen bei Ihnen. Ich spüre, da stimmt was nicht. Instinktiv löse ich mich von meinen Polizisten und will mich aus Solidarität zu den Somalis setzen. Stop. Man bedeutet mir, hinter die Somalis zu stehen. Was ist denn das für eine Rassistenscheiße, denke ich. Schwarze müssen sitzen, Weiße dürfen stehen - oder was? Wortwörtliche Erniedrigung.

 

Mein Gehirn realisiert immer mehr das Unfassbare. 20 Somalis. 8-10 Männer. 9 Frauen. 1 kleines Mädchen, ein noch kleinerer Junge. Vielleicht 4 und 3 Jahre alt. Was ist das denn? Mein Verstand sträubt sich zu akzeptieren, was meine Augen sehen. Ein Frau schaut mich so seltsam an. Ich komme nicht drauf warum.

 

Wir werden fotografiert. Als Gruppe. Sonderbar.

Dann werden wir in den ersten Stock eines der Gebäude gebracht.

 

Von Anfang an, habe ich das Gefühl, das einzig Falsche, was ich tun kann, ist es, den Somalis das Gefühl zu geben, daß ich wirklich denke, ich bin als Weißer priviligiert. Kunststück, wenn man so behandelt wird. Also, suche ich den Augenkontakt mit den Afrikanern. Zuerst mit den Männern, die etwas weiter von mir wegsitzen und mich beobachten. Es klappt. Da ist kein Hass.

 

Das kleine Mädchen erkundet den Raum. Mir fällt das kleine Engelchen ein, daß mir Dani, die Frau meines Kumpels Uwe, vor sieben Jahren auf meine Reise zum Mount Everest mitgegeben hatte. Zusammen mit einer kleinen bunten Blechdose, die ich von meiner Exkollegin Gudrun 2008 bekommen habe, klappert das wenigstens ein bischen. Das Mädchen nimmt meine Überraschung gerne an. Damit ist auch das Eis mit den Somalifrauen gebrochen. Sie sprechen mich an. Wollen wissen, woher ich komme, ob ich verheiratet bin und ob ich Kinder habe. Ungläubig registrieren sie meine vorsichtigen Antworten. Als ich dann noch sage, daß ich keine Religion habe, wird mir sofort der Koran empfohlen. Für die Frauen ist es unvorstellbar, daß ich nicht an Allah glaube. Wie will ich denn dann wieder hier rauskommen, fragen sie mich.

 

Und dann bricht es mir fast das Herz. Die Frau, die mich so seltsam angeschaut hatte, sitzt schräg hinter mir. Mir verschlägt es die Sprache. Dort wo ihr linkes Auge sein sollte, klafft eine leere Höhle aus der immer wieder Blut sickert. Ausgestochen. Im Krieg oder auf der Flucht.


Ein Burmese nimmt von jedem von uns Fingerabdrücke. Irgendwann sehe ich meinen Reispass auf einem der Schreibtische liegen. Als ich mir danach im Nebenraum die Hände waschen darf, drücke ich heimlich auf den Auslöser meine Kamera. Der Burmese ist ein netter Kerl, mit dem könnte ich mich arrangieren, fühle ich. Als alle ferig sind, werden wir wieder runter gebracht. Zuerst die Somalis, dann ich.

Aus dem einen Gebäude raus, weiter zum nächsten Haus. Man führt uns eine Rampe hoch, durch eine Tür ins Gebäudeinnere. Dort öffnet sich die erste Gittertür. Wir sind in einem Art Innenhof. Vor mir ein großes Glasfenster. Dahinter Polizisten, Wachpersonal, Security. Rechts daneben Gitter. Sind da Menschen drin? Rechts daneben noch zweimal Gitter. Wir müssen antreten. Wieder Rassismus. Schwarz rechts. Weiß - ich - links. Man fordert uns auf, unsere Mobiltelefone abzugeben. Alle befolgen den Befehl. Bis auf einen Somali. Er hat zwei und behält eines. Ein Securitythai hat Wind davon bekommen. Geht zwei Schritte auf den Somali zu und schreit ihn an: "Give me your mobile!". Der Somali bekommt Angst und fischt das Telefon aus irgendeinem Versteck in seiner Kleidung. Zu spät. Mit voller Wucht landet die Faust des Thais mitten im Gesicht des Afrikaners. Damit ist ab jetzt alles klar und alles möglich, denke ich. No Limits. Gib Menschen Macht...

 

Während die Somalis als erstes weggesperrt werden, stehe ich etwas seitlich vom Geschehen, als der Schlägerthai in meine Richtung kommt. "Was that necessary?" frage ich ihn in Bezug auf seinen Faustschlag und rechne damit, mir selbst Prügel einzufangen. In dieser Welt schauen schon viel zu viele Menschen weg. Doch er schweigt und wirkt kurz nachdenklich.

 

Endlich fordert man mich auf mein Gepäck zu nehmen und es auf einen Haufen anderer Koffer, Taschen, Rucksäcke und Kartons am anderen Ende des Innenhofs zu legen. Der Weg dorthin führt an den drei Gittern vorbei, die tatsächlich Gefängniszellen sind. Das wird mir erst beim Vorbeigehen klar. Mit Entsetzen registriere ich Kinder und Frauen in der ersten Zelle und Männer in der zweiten.

 

Die Zeit scheint sich zu verlangsamen. Es ist alles so unwirklich. Das hier und ich.

 

Während ich meine Taschen auf die anderen Gepäckstücke staple, merke ich wie ich angestarrt werde. Aus der letzten Zelle. Die, die fünf Meter von mir entfernt ist. Ich versuche etwas durch die gelblichen Gitterstäbe zu erkennen. Sehe nur Augen und Zähne, die auf mich warten. Dann bedeutet man mir genau in Richtung dieser Zelle zu gehen. Wie betäubt mache ich Schritt um Schritt darauf zu. Die Zellentür öffnet sich, Menschen weichen ins Halbdunkle zurück, ein Schritt und ich bin über die Schwelle, ein zweiter Schritt und die schwere Eisentür fällt hinter mir ins Schloß.

 

 

 

"Where do you come from?" fragt mich eine Stimme aus dem Halbdunkeln mit provozierendem Unterton.

 

"Germany" antworte ich.

 

"Do you like Hitler ?" ruft ein Nigerianer von rechts und kommt auf mich zu.

 

 

 

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Kommentare: 5
  • #1

    heiko (Donnerstag, 30 Juli 2015 04:45)

    Hoff muss auf fortsetzung nicht lange warten.

  • #2

    Jacqueline Jane Bartels (Donnerstag, 30 Juli 2015 07:06)

    Ufffff jaaaa, Dirk, eine packende Story... Dürste nach der Fortsetzung...

  • #3

    Uwe (Donnerstag, 30 Juli 2015 07:56)

    Krasse scheiße

  • #4

    Dirk Blume (Donnerstag, 30 Juli 2015 10:46)

    Ja, ich werde versuchen jeden Tag zu schreiben.

  • #5

    Susanne (Donnerstag, 30 Juli 2015 21:23)

    Oh Mann Dirk was für ne scheisse!!!

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