Nackt ohne Wasser

Zuerst klaut man mir den Großteil meiner Ausrüstung, sowie Schuhe, Klamotten, Arznei und Kulturbeutel einschließlich Rasierzeug. Dann stehe ich nackt ohne Wasser da. Doch der Reihe nach. Das Bild rechts zeigt Euch, wie ich aussehe, wenn ich mich sechs Tage nicht rasiere. Ziemlich ungewohnt, wo ich mir doch spätestens nach drei Tagen immer Fratze und Glatze poliere.

 

Wenn dann der Tag, wie heute, noch damit beginnt, daß während ich frühstücke, der Revierköter gegen mein Vorderrad pinkelt, dann sollte man die folgenden Stunden eigentlich äußerst vorsichtig angehen.

 

Der Abend gestern und die Nacht begannen sehr heiß. Eigentlich hatte ich die Hoffnung auf eine funktionierende Air Condition schon aufgegeben. Aber was soll´s? Es ist wie mit unserem VfB. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Also nackt aufs Bett gelegt und eingeschlafen. Gegen 2 Uhr 30 werde ich dann wach. Die Klima hatte alles gegeben und das spüre ich jetzt. Aus Mangel an Zudeckmöglichkeiten (ich vermisse meinen Sommerschlafsack so sehr)....:-(...nehme ich halt Handtücher und schlafe anschließend wieder ein.

 

Um kurz nach 7 Uhr ist die Nacht dann endgültig rum. Die selbstständige Arbeit ruft. Gegen 8 Uhr hat mich die Straße wieder. Aber nur für ein paar Kilomter. In Khura Buri kaufe ich mir zunächst für etwas mehr als 1 Euro eine Art große "Mo-Mos". Habe ich so jetzt noch nicht in Thailand gesehen und ich liebe sie von meinen Radreisen in Nepal und China. Spät, aber nicht zu spät, entdecke ich die Okkasion, 3 MoMos für 20 Baht. Sechs der leckeren Teile wandern in einen Pappkarton und werden von mir auf meinem Gepäckträger, zwischen meinen verbliebenen zwei Packtaschen befestigt. Das mache ich mit einem Expandergurt. Als der dann richtig Spannung hat, drückt er natürlich den Karton ein. Der Verkäufer verzieht das Gesicht, als würde ich seinen eigenen Babies die Luft abschnüren. Ich lache und beschwichtige. Er geht mir nicht an den Kragen :-)

 

Mein wachsamer Blick schweift in die umliegenden Straßen. Dabei entdecke ich eine Art Fressmeile. Mehrere Restaurants nebeneinander. Das letzte ist bereits offen. Durch Handzeichen bitte ich die muslimischen Frauen mir doch den Inhalt der Töpfe zu zeigen. Als "alter" Hobbykoch ahne ich, daß das grüne, keine genmanipulierten Erbsen von Monsanto sind, sondern eine besondere Art von Thai-Auberginen. Das nehme ich. Zusammen mit Reis. Zwei Dosen Eiscafé (bewußt nicht von Nestlé), habe ich bereits woanders gekauft und mitgebracht. Aufmerksam, wie die junge Frau ist, stellt sie mir ein mit Eiswürfel gefülltes Glas dazu. Dann kommt das Essen oder das Frühstück. Benennungen, nicht weiter wichtig. Hauptsache es schmeckt, ist preiswert und gibt mir Kraft für den langen Tag. Schon bei der Anfahrt hierher hat mir der Saft heute morgen gefehlt. Als erstes Frühstück hatte ich das letzte Halsbonbon gelutscht. Der Rachen fühlt sich heute morgen schon besser an.

 

Dann geht es los. Bin ja jetzt in einem sehr interessanten Gebiet mit einem tollen Nationalpark. Den Similan-Islands. Aber das schaue ich mir nächstes Jahr an, habe ich beschlossen. Wir Reiseradler haben da andere Wertigkeiten wie Normaltouristen und Rucksackreisende. Viele von uns lassen alles aus, wo viele Touristen oder Backpacker zu erwarten sind. Wir müssen nicht alles gesehen haben. Zumindest nicht nach Plan und zwingend heute. Gerne lasse ich mich treiben. Das habe ich auf meiner ersten Reise gelernt und mit nach Hause gebracht. Seitdem versuche ich im hier und jetzt zu leben. Deswegen hat das Frühstück mit Pim gestern auch so lange gedauert, bis ich das Gefühl hatte, jetzt ist alles gesagt. Ich schaue da nicht mehr auf die Uhr und sage, ich muß jetzt los.

 

Für uns ist die Straße das Zuhause. Der Weg ist das Ziel. Gerade heute wird mir wieder bewußt, was ich am Reiseradeln so liebe:

  1. die Ruhe
  2. das Geräusch des Windes
  3. ich kann schweigen
  4. realistische Tagesziele setzen und erreichen
  5. sich nur um Essen, Trinken und Schlafplatz kümmern müssen
  6. alles am Rad zu haben, was man benötigt oder noch besitzt ;-)
  7. das einfache Leben, im Gegensatz zur immer komplexer werdenden Welt
  8. Reale Welt bzw. Natur vs. künstliche Welten vorm TV, PC, usw...

 

Pim hatte mir da gestern auch wieder einen sehr interessanten Denkanstoß gegeben. Asiatisch. Buddhistisch. Ich sollte darauf achten, daß mein Geist mir nicht vorauseilt. Körper und Geist sollten eins sein. Es ist nicht gut, wenn mein Körper in Thailand auf dem Rad und mein Geist bereits im Flieger sitzt, oder in Bangkok umherschweift. Absolut einleuchtend. Deswegen wurde mir meine Tasche gestohlen. Mein Geist war nämlich nur mit meinem Hunger beschäftigt und längst im Dorf. Deswegen habe ich auch nicht an meine Kreditkarte in den Schuhen meiner Tasche gedacht.

 

So passiert es mir dann auch nicht wie gestern, daß mir ein Reiseradlerpaar entgegenkommt und ich es erst merke, als wir schon fast aneinander vorbei sind. Gestern war es dann zu spät zum wenden. Heute wechsle ich direkt die Straßenseite. Sezin und Evrim, zwei Architekten aus Istanbul, haben einfach ihre Jobs gekündigt und radeln jetzt acht Monate durch Südostasien. Sie waren bereits in Kambodia und wollen nun weiter nach Malaysia. Evrim ist 36 Jahre alt und ist bereits zum dritten Mal in Thailand. Wir schießen noch gegenseitig Fotos von uns und versprechen uns zu mailen. Danach ist es Zeit für eine Tüte Eis und kaltes Wasser. So richtig komme ich auch heute nicht in Fahrt, aber die zurückgelegten Kilometer passen.

 

Gegen 13 Uhr spüre ich wieder deutlich, daß ich aus der Hitze raus muß. Sechzig Kilometer liegen hinter mir und genügend Tageszeit noch vor mir. Links taucht ein sehr ansprechendes und gepflegtes Café im Grünen auf. Das Schild "Free Wifi" beschleunigt meine Entscheidung. Ich muß noch den Blogartikel von gestern veröffentlichen und einen Namen von der Webseite nehmen. Alles sieht so idyllisch aus. Doch kaum habe ich meine Technik ausgepackt, da ist es auch hier soweit. Der Fernseher. Welch Schwachsinn. Welche Lautstärke. Welche "Dialoge". Man muß die Sprache dazu nicht beherrschen. Genau die gleichen Aufmerksamkeitsheischenden Effekte, die gleichen visuellen Reize, die gleichen Stakkatomäßigen Überblendungen. Eine Beleidigung für die Intelligenz.

 

Ein Freund, der mir beim letzten Umzug geholfen hat, meinte damals "...und jetzt noch einen Flachbildfernseher dort an die Wand"...worauf ich entgegnete: "Schwachsinn im Großformat?" Oder wie mein Englischlehrer, Herr Möller, am Georgii-Gymnasium in Esslingen zu sagen pflegte: "getretener Quark wird breit nicht stark".

 

Also erledige ich nur das Notwendigste und breche wieder auf. Es sollte nicht sein. Pim hatte ein ähnliches Thema mit ihrer Nichte, die bei ihr im Restaurant in der Küche und im Service arbeitet. Hockt laufend vor dem Fernseher oder glotzt in ihr Smartphone, vergißt dabei aber den Kühlschrank aufzufüllen oder Gäste zu begrüßen. Schöne, zukünftige Welt.

 

Gemütlich radel ich weiter. Die nächste Schlafmöglichkeit nehme ich. Ein Resort, das seine besten Tage hinter sich hat. 500 Baht (13,50 €) soll das Zimmer kosten. Sieht gut aus. Die Sache hat nur eine Haken. Kein Strom.

 

Dann eben im langgezogenen Gebäude. Sehr idyllisch. Mit einem größeren See davor. Sieht noch besser aus. Kostet aber 650 Baht (17,50 €). Gestern hatte ich 350 Baht gezahlt. Also im Schnitt, auf zwei Tage, jeweils 500 Baht. Ich gebe als mein eigener Finanzminister das "Okay".

 

Kurz radel ich nochmal zu einem Shop und besorge mir eiskalte Getränke. Dann setzte ich mich in die Rattanmöbel vor meinem Zimmer, packe die Momos aus und stürze den Inhalt der eiskalten Dose in meinen Hals. Bis auf zwei Momos finden alle den Weg in meinen deutlich kleiner gewordenen Magen.

 

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Eine Waage hatte vor zwei Tagen, auch im zweiten Anlauf, die unglaubliche Zahl von 86,6 kg auf die Anzeige projeziiert. Wenn das wirklich der Realität entspricht, dann habe ich ein ganz großes Ziel mit meinem derzeitigen Nomadenleben verwirklicht: vierzehn Kilo Gewichtsverlust.

 

W-I-E G-E-I-L-I-S-T-D-A-S-D-E-N-N ???

 

Einer der Gründe, warum das Leben als Reiseradler für mich richtig und gesund ist. Nachstehend ein paar weitere:

 

  • Viel Bewegung
  • Essen, nur wenn man wirklich Hunger hat
  • Viel Obst und Gemüse
  • Achtsam essen

 

Dazu mein Buchtipp.

 

Aber bitte nicht bei Amazon bestellen, die zahlen nämlich keine Steuern in Deutschland und beuten auch gerne ihre Mitarbeiter aus. Geht lieber zum Buchhändler Eures Vertrauens. Der freut sich und dankt es Euch.

 

Und nicht nur lesen. Auch ausprobieren. Erste und wirkungsvollste Methode: jeden Bissen 50 x kauen. Ich habe das in BangSak Beach in einem Strandlokal gemacht. War irre. Du geniesst jeden Bissen, schmeckst plötzlich wirklich was Du im Mund hast und das Beste, Alle, ausnahmslos Alle halten Dich für komplett durchgeknallt. Noch dazu, wenn Du allein bist. Was ein Spaß :-))))

 

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Als ich fertig mit essen und trinken bin, wird es Zeit zu duschen. Nackig gehe ich ins Badezimmer, will bei der Gelegenheit auch gleich meine Radlerhose im Waschbecken waschen. Ich drehe den Hahn auf. Nichts. Dann halt gleich unter die Dusche. Ich drehe den Hahn auf. Nichts. Wahrscheinlich der falsche Brausekopf. Da ist noch einer. Ich drehe den Hahn auf. Nichts.


Radlerhose an, Hose drüber, Sandalen an, Muscleshirt drüber. Vor zur Rezeption. Die Lady zeigt auf einen hundert Meter entfernten Pool, mit grünem Wasser, in dem zwei Kinder rumtoben. Das ist meine Dusche.


Nein, ist es nicht. Zurück ins Zimmer. Den Kühlschrank mit dem kalten "Welcome-Wasser" des Resorts noch kurz geplündert und schon rolle ich ganz gemütlich und in mir ruhend vom Gelände.

 

Wie sagte schon der iranische Haftrichter 2007 beim Verhör, nachdem man Fotos von einem Geschütz in meiner Kamera gefunden hatte?

 

"It´s only a communication problem".

 

Deswegen gibt es auch keine Schuldigen. Keine Wut. Kein Ärger.

 

10 km weiter werde ich fündig. Mittlerweile stehen 81 km zu Buche. Rechts weg von der Straße in einem abgelegenen Wäldchen. Eine Handvoll klitzekleine Bungalows.


Innen die Überraschung. Tadellos das Bett. Ein Kühlschrank. Nette Vermieterin. Ich gehe ins runde, große Bad. Nehme den Duschkopf in die Hand. Drehe den Hahn auf.

 

Wasser!

 

Gerne zahle ich die 500 Baht (13,50 €).

 

Aktuell befinde ich mich 40 km südlich von Ranong.


Mein Hals hat sich wieder verschlechtert.


JayJay, geh in Deinen Garten in Bodrum und schmeiß mir eine Zitrone rüber ;-)



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Kommentare: 3
  • #1

    holle (Donnerstag, 26 Februar 2015 18:05)

    beim nächsten mal vorher die zimmer anschauen! ! aber trotzdem viel Spaß noch beim rasdeln!! grüße aus stuggitown!!!
    holle

  • #2

    Lena (Donnerstag, 26 Februar 2015 20:40)

    Wieder mal ein toller Bericht und das Zimmer, absolut super!!
    Gute Besserung, Dirk! :-)

  • #3

    JayJay (Donnerstag, 26 Februar 2015 21:03)

    Ich schicke Dir einen ganzen Sack Zitronen...

    Und danke von Herzen dafür, dass Du uns aufforderst in die Buchhandlung unseres Vertrauens zu gehen. Das finde ich richtig geil.

    Und wie kann es sein, dass Du 14 Kilo abgenommen hast. Du warst doch schon im Oktober'14 in Berlin super schlank oder brauche ich doch eine Brille??

    Zitronen angekommen?

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